Bianca Hallebach: Auf der Spur der Namenlosen

Goldschmiedemeisterin und Gestalterin Bianca Hallebach bricht eine Lanze für die Felsen ihrer Heimat: mit kunstvollem Schmuck und ambitionierten Projekten

Leise und noch ungemütlich kalt fällt der Nieselregen, als die kleine Schar Richtung Wald aufbricht. Warm eingepackt, gut gelaunt. Es wird nur ein kurzer Ausflug, den Bianca Hallebach angesetzt hat, aber seine Wirkung wird eine langfristige sein: Drei markante Felsen hinter dem Adorfer Ortsteil Jugelsburg werden an diesem Karfreitag 2016 getauft, der Anonymität entrissen. Den jeweiligen Namen sollen die rund 70 Leute direkt vor Ort ganz basisdemokratisch bestimmen; obwohl etliche Jugelsburger dabei sind, haben viele die Gesteinsformationen noch nie zuvor gesehen oder zumindest bewusst wahrgenommen. Die Initiatorin, die selbst in dieser Gegend aufgewachsen ist, schreitet munter voran und entrollt in Gesprächen und kurzen Vorträgen ihre Mission, die wie ein unsichtbares Banner über ihr zu wehen scheint: »Gebt den Felsen Namen!«

Warum, zum Herrgott, soll man ein verwittertes Stück Felsen benennen, das irgendwo in der Pampa ein paar Meter aus dem Erdreich guckt? Hat der Mensch nichts Sinnvolleres zu tun? Die Frage wird oft gestellt, manchmal auch nur mit einem Augenrollen angedeutet, doch die Antwort verblüfft. »Das stimmt natürlich«, sagen die Leute dann. »Daran denkt man ja gar nicht.« Niemand tut das. Selbst Bianca Hallebach, die sich seit Jahrzehnten mittlerweile mit Mineralogie und Geologie befasst, die in ihrer Freizeit auf der Spur von Frühgeschichte und Altbergbau durchs Unterholz kriecht und über moosbewachsene Klippen kraxelt, die in ihrem Beruf tagtäglich edle Steine und Metalle in den Händen hält, selbst sie kam erst fern der Heimat drauf. Während einer Reise mit dem Künstlerverband ins Elbsandsteingebirge. »Wir hatten dort auch eine Wanderung in der Sächsischen Schweiz unternommen, die zwar nur an relativ unbedeutende Felsgruppen führte, aber trotzdem waren da Massen von Leuten unterwegs. Da dachte ich mir: Gut, Dresden, die große Stadt ist in der Nähe, aber woher kommt eigentlich dieser Hype? Und tatsächlich hat dort seit Jahrhunderten jeder Felsen einen Namen. Aber nur was du kennst, schätzt du auch! Sobald etwas einen Namen hat, lässt es sich viel besser merken, dann wollen die Leute da auch hin und haben sofort einen Begriff davon, worüber man spricht. Hinterm Pfaffenstein, an der Hohen Liebe, beim Quirl, auf der Kaiserkrone – und nicht »bei irgendeinem Stein im Wald«. Hat der Fels einen Namen, lässt er sich auch viel besser kartieren – und schon gibt es wieder einen touristischen Aspekt mehr.«

Im Frühjahr 2015 stellt die Plauener Goldschmiedemeisterin und Gestalterin zusammen mit Ellen Hochel in der Kunstwandelhalle Bad Elster aus, sie zeigt erste Schmuckstücke aus ihrem aktuellen Projekt »Felsenringe«, Zeichnungen und textile Collagen der »Namenlosen«. Damit ist die neue Mission begründet, die im Winter zuvor ihren Anfang nahm. Ein kleines bisschen wundert sich Bianca Hallebach über sich selbst, die der Faszination von Steinen und Felsen schon während ihrer Gesellenzeit erlag, als sie im Internat der Bergakademie Freiberg wohnte. Möglicherweise schlummerte das in den Genen: Ihr Großvater war Obersteiger. »Da begeistert man sich bald 30 Jahre lang für Steine, sammelt und forscht, was nur geht, und dann kommt man so spät erst auf den Gedanken, den Urcharakter der Geologie gestalterisch umzusetzen.« Natürlich kann man das Vogtland nicht mit dem Elbsandsteingebirge gleichstellen, aber sie weiß, dass es auch in dieser Region viele schöne, markante Felsformationen gibt. »Nur sind sie eben unbekannt, weil sie namenlos sind. Die Leute laufen daran vorbei.« Die Schmuckdesignerin beschließt, zunächst einige ihr besonders am Herzen liegende Felsen zu zeichnen und die harte Struktur in Collagen aus weichem Vlies und Seidenpapier zu übersetzen. Diese Bilder der »Namenlosen« versieht sie lediglich mit den Koordinaten. »Und tatsächlich sind die Leute losgezogen und haben diese Felsen gesucht, sind beispielsweise das Kemnitzbachtal mit einem ganz neuen Fokus abgegangen.« Ein beachtlicher Erfolg, der die Theorie zu bestätigen scheint.

In Jugelsburg erreicht indes die kleine Expedition das erste Ziel – und das Ereignis wiederholt sich. Bianca Hallebach, die hier 1976 eingeschult wurde und so manchen Teilnehmer seit ihrer Kindheit und Jugend kennt, referiert ein Stück Heimatgeschichte. Über die namengebende nahe gelegene Jugelsburg, deren Überreste längst dem Baugeschehen der Moderne weichen mussten, über die geologischen Besonderheiten dieses harschen Felszackens, der sich schräg aus dem Hang bohrt. Und die Leute, die nur ein paar hundert Meter weiter wohnen, murmeln: »Hier war ich irgendwie noch nie.« – »Komisch, schon so oft hier den Weg entlang geturnt und nie mitbekommen, dass es hier so einen schönen Felsen gibt.« – »Hier haben wir als Kinder manchmal gespielt, aber wir wussten nie zu sagen, wo genau.« Jetzt heißt der Brocken »Jugelstein« und all die Erinnerungen haben plötzlich eine Identität. Etwas weiter, direkt am Buttergrund, wird kurz darauf der »Ritterspornfelsen« getauft, weil er wie ein Sporn über das Tal ragt und alte Mythen von Raubrittern berichten, die hier einst gehaust haben sollen. Als drittes tauft die Wandergruppe offiziell den »Eierfelsen«, bei dem die Namenswahl keine Überraschung war. Einige alteingesessene Jugelsburger kannten ihn so noch aus ihrer Kindheit, und die mit der Materie bestens vertraute Expeditionsleiterin führt aus, dass dieser Begriff vermutlich von einem vorchristlichen Brauch herrührt, der sich in der Eiersuche des heutigen Osterfests widerspiegelt.

Da ist sie wieder, die Frühgeschichte. Die Anwesenheit der Kelten oder keltennaher Stämme in der Bronze- und Eisenzeit. Der Altbergbau, die Hügelgräber. Normalerweise unternimmt Bianca Hallebach ausgedehnte geologische Wanderungen mit Interessierten, die sich gut fünf Stunden lang ziehen können. Es ist nicht vorstellbar, dass ihr unterwegs der Gesprächsstoff ausgehen könnte. »Ich weiß schon, ich muss publizieren«, gibt sie zu. Aber die Freizeit ist knapp – und vorzugsweise für Ausflüge in die Natur reserviert. Immer wieder erkundet sie das Kemnitzbachtal, dessen überwältigende Schönheit in Vergessenheit geriet, als es zum Grenzgebiet erklärt wurde. Sie hat dort bereits verschollene Pingenzüge wieder ausfindig gemacht, das Mundloch eines uralten Stollens verortet, dank der Übertragung alter Grubenrisse aus dem Bergarchiv Freiberg und ihrem Faible für ausgedehnte Feldforschung. »Aber das ist vielleicht auch mein Vorteil, dass ich alles auch aus dem künstlerischen Blickwinkel betrachten kann, meiner Neugier folge und der Phantasie freien Lauf lasse – während normale Archäologen sich eher auf ihre Urkunden verlassen und das, was bereits nachgewiesen ist.« Und dann entwickelt sie plötzlich eine Theorie, mit der sie erstmal alleine dasteht. Etwa die, dass die Kelten dereinst gar nicht unbedingt nach Erzspalten gesucht hätten, sondern Limonite und Hämatite einfach aus den Kiesmulden beiderseits der Elster sammelten, wo solche sedimentären Erzadern auch heute noch zu finden sind. »Leichter geht’s eigentlich nicht. Alle suchen die Schächte des vormittelalterlichen Bergbaus und vermuten, dass der durch die Intensivierung in den späteren Epochen zerstört wurde. Das kann schon sein. Aber ich denke eben, dass die Kelten gar nicht so tief gegraben haben, weil sie es nicht mussten.« Es spricht einiges dafür. Wissenschaftliche Nachweise aus dem Thüringischen etwa, wo im Bereich der Clodramühle tatsächlich Eisenerze so gewonnen und verhüttet wurden. Oder der Rennofen, den Amandus Haase in den 30er Jahren nahe Taltitz entdeckte – doch kein Bergwerk weit und breit, dafür Kiesel auf dem Feld mit mächtigen Hämatitschwarten.

Diese unmittelbare, tief wurzelnde Verbindung aus künstlerischer Neugier, wissenschaftlichem Antrieb, der Liebe zur regionalen Geschichte und Natur und dem feinen Gespür für Ästhetik erklärt, dass das Projekt »Felsenringe« ein voller Erfolg für Bianca Hallebach ist. Die einst als jüngste Goldschmiedemeisterin Sachsens antrat und eine der sehr großen Ausnahmen ihrer Zunft darstellt, welche noch nahezu ununterbrochen ausbilden, hat sich schon immer von diesen Aspekten im Design ihres Schmucks inspirieren lassen. Nach der Geburt ihrer Tochter 2002 etwa entdeckte sie beim Kinderwagenschieben die Dolden der Wilden Möhre, deren verfremdete Abgüsse den Grundstein der Serie »Das Fragile« legten. Etwas später, beim Kuraufenthalt an der Ostsee, die bei rauem Wetter im Oktober ein wunderschönes Türkis als Farbe annimmt, entstand die Idee zu den »Meeresstücken« – farbiges Japanpapier, gefaltet und zerknittert, in Kunststoff gebettet, sandgestrahlt und in Silber gefasst. Zur Kalligraphie wiederum gelangte sie durchs Vorlesen am Bett des Töchterchens – »wir haben aus Prinzip kein Fernsehen« – und die eigene Neigung zur Literatur. »Die leisen Kräfte sind es, die uns tragen.« Solche und Texte von Heraklit, mit Tusche auf transparentem Papier, zerrissen, übereinander gelagert, neu angeordnet und dem Sinn entsprechend in verschiedene Formen gearbeitet: »Geheimnisträger« – sowohl die Schmuckstücke als auch deren Besitzer. Dann die vielbeachteten »Plauener Spitzen«, für die es 2011 eine Anerkennung beim »Von Taube Preis« in Chemnitz gab. Und jetzt eben die »Felsenringe«.

Sie fährt, läuft und klettert dafür durch die vogtländische Wildnis, nimmt mit Wachsstreifen Reliefabdrücke der Felsen, gießt diese in Silber und kombiniert dann beispielsweise die Struktur von Plauener Diabas mit einem Zirkon aus der Göltzsch zu einem Ring. Jedes Stück ein Unikat. Jüngst hat es ihr der Dobenaufelsen in Plauen angetan, dessen Geschichte noch viele Geheimnisse zieren. Stand dort die erste Burg auf Plauener Flur? Wer hat sie errichtet? Was wurde wirklich in dem tiefen Schacht gefunden? Und wozu diente »Schneiders Keller«, an dessen Eingangswänden sich Widerlager für Balken finden und – kaum noch zu sehen – ein altes Wappen? Geht es zurück auf das um Geilsdorf starke Geschlecht der aus Franken stammenden Säcke? Für Armreif, Ring und zartes Ohrgeschmeide jedenfalls taugen diese Abdrücke allemal, verbinden sie doch das Oberflächenwerk von Natur und Menschenhand gleichermaßen. Manchmal nimmt Bianca Hallebach die Abdrücke auch in ihrer Werkstatt – wenn verliebte Paare zum Beispiel ein Stück Stein anschleppen, das von ihrem ganz persönlichen Felsen stammt. »Es gibt kaum ein besseres Motiv für Trauringe. Wie ein Fels in der Brandung soll die Ehe stehen, stabil, langlebig, vertrauensvoll. Wenn man den Ring fühlt, erinnert man sich an den Ort, den Moment, die Ruhe, man riecht die Erde, fühlt das Moos. Die ganze Geschichte dazu ist sofort da und immer ganz persönlich.«

Die Dobenau wird auch eine spezielle Rolle bei ihrer nächsten Ausstellung spielen, die sie anlässlich ihres 25. Jubiläums als selbstständige Schmuckgestalterin zusammen mit der Porzellankünstlerin Marlies Thimann aus Naumburg im Weisbachschen Haus in Plauen zeigt. Vernissage ist am 29. Oktober, 11 Uhr. »Ein Titel steht noch nicht fest. Es wird jedenfalls keine Retrospektive, sondern eher eine Momentaufnahme.« Vorher, im September, stehen wieder zwei geführte Wanderungen an. Und bald wird es ihre Zeichnungen vogtländischer Felsenlandschaften auf elbsandsteingebirgischer Keramik von Stefanie Mathy geben. Da schließt sich der Kreis. Und das Thema rollt. »Es entwickelt sich immer ein Stück weiter, wenn man erstmal damit arbeitet«, sagt Hallebach. »Wer weiß, wohin.« Gleiches gilt auch für die Initiative, die »Namenlosen« zu benennen und ins Bewusstsein zu rücken. Unmöglich kann sie das bei aller Leidenschaft und Liebe selbst bewältigen. Muss sie auch nicht. Zahllose Felsen von Ostthüringen bis Nordwestböhmen, von Oberfranken bis an die Grenze Mittelsachsen warten nur darauf, endlich getauft zu werden.

TEXT & FOTOS: MARKUS SCHNEIDER
AUS

#0010 / 2016