Ausstellung: »Braukunst im Vogtland«

Seit über einem halben Jahrtausend wird in der vogtländischen Grenzregion Bier gebraut. Der Gerstensaft erfreut sich nicht nur regionaler Beliebtheit – er ist bisweilen weiltweit bekannt. Und dahinter verbirgt sich weit mehr als der Genuss eines frisch gezapften Durstlöschers. Das Brauwesen ist integraler Bestandteil der regionalen Geschichte, seiner Wirtschaft und seiner Kultur. Nicht zuletzt deswegen widmet sich derzeit eine Sonderausstellung auf Schloss Voigtsberg in Oelsnitz diesem umfassenden Thema. Wir eröffnen damit zugleich eine Serie, die Sie, verehrte Leser, auch in den folgenden Ausgaben begleiten wird.

Für Museumsleiterin Annika Weise war der Entschluss, diese Exposition zu kuratieren, gewissermaßen pikant. »Ich selbst trinke kein Bier«, bekennt die 28-jährige gebürtige Neumarkerin. »Von daher war mir dieses Thema zunächst auch völlig fremd und ich musste mich da erstmal intensiv einlesen. Doch alleine die Stadt Oelsnitz kann schon auf eine große Brauereigeschichte zurückblicken – um 1900 gab es hier fünf dieser Betriebe. Und in enger Zusammenarbeit mit den noch aktiven fünf Unternehmen der Region hat sich schnell eine gewisse Eigendynamik entwickelt.« Nicht nur, dass die Brauerein in ihrem Fundus etliche Schätze und Schmuckstücke, interessante Gerätschaften wie auch Dokumente aus alten Tagen hüten – engagierte Sammler wie Jürgen Grünert beispielsweise steuerten ebenso wichtige Exponate bei. Und nicht zuletzt flossen aus den zahlreichen Gesprächen, teilweise auch mit alten Braumeistern, umfangreiches Fachwissen und so manche amüsante, überraschende, erstaunliche Anekdote in die Kollektion mit ein.

Was nun seit Anfang August und noch bis zum 2. November in der Sonderausstellung »Braukunst im Vogtland« zu sehen ist, lässt sich als reine Überblicksausstellung mit leichtem Schwerpunkt auf Oelsnitz und der florierenden Zeit für das Gewerbe zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstehen. »Das Thema ist unglaublich komplex«, führt Weise aus. »Doch es war uns wichtig, dies auch für die Allgemeinheit verständlich zu halten.« So finden sich etwa historische Exponate, Leihgaben aus Münschen, zur Veranschaulichung der allgemeinen Geschichte, die bis in die Kultur der Sumerer zurückreicht. Die ausgestellten Herstellungsobjekte hingegen sind tatsächlich allesamt vogtländischen Ursprungs, allerdings ist aus der Zeit vor der Industrialisierung um 1880 so gut wie nichts mehr erhalten. Dafür gibt es auch einige Besonderheiten wie ein altes Schankbrett, das von Holger Späring gebaute kleinste Bierfass der Welt und die Notensätze der einst landläufigen Bierlieder zu sehen, die die Kunst der jeweiligen Brauer in den Himmel lobten.

Hochinteressante Einblicke in den harten Arbeitsalltag der Brauer vor gut 100 Jahren gewährt ein historischer Dokumentarfilm, der von der Brauerei Tucher in Nürnberg bereitgestellt wurde. Annika Weise hat den Streifen segmentiert und die einzelnen Abschnitte auf mehrere Videosäulen verteilt, denen jeweils die passenden Objekte zugeordnet sind. »Das war früher ein echter Knochenjob. Und man muss sich vor Augen führen, dass um 1900 hier in der Region über 80 Brauereien existierten.« Damit sind jedoch nur die Betriebe im sächsischen Winkel des Vogtlands gemeint. Dies auch auf die »Kollegen« im fränkischen, thüringischen und böhmischen Raum auszudehnen, hätte die Ausstellung unweigerlich gesprengt. Zur Ausstellungseröffnung waren natürlich die fünf aktiven Brauereien aus Erlbach, Grünbach, Treuen, Plauen und Wernesgrün alle mit vor Ort. Das ist nicht eben gewöhnlich, schließlich herrscht Wettbewerb. Ein zünftiger Altherrenchor trug sogar die überlieferten Bierlieder vor – und das Restaurant »Voigtsberger Schloßstube« hat für die Dauer der Ausstellung eigens eine besondere Bierkarte aufgelegt. Nur die Museumschefin Annika Weise trinkt immer noch kein Bier.

TEXT & FOTO: MARKUS SCHNEIDER