Dalí 2.0

Leichtes Vibrato in der Plauener Atmosphäre: Die Malzhaus-Galerie hat wieder einen Coup gelandet

Der Marqués de Púbol i Figueras hat der Nachwelt einiger solcher Bonmots hinterlassen. Doch allein deswegen ist jener Mann, der jeden Morgen das erhabene Vergnügen genießen durfte, Salvador Dalí zu sein, nicht zu Weltruhm gelangt. Sehr viel beachtenswerter sind die surrealistischen Kunstwerke des exzentrischen Spaniers, von denen ab 6. Dezember eine interessante Auswahl in der Plauener Malzhaus-Galerie zu sehen sein wird. Nach 15 Jahren ist somit zum zweiten Mal der Coup gelungen, eine Ausstellung mit derart großem Namen in die kleine Stadt zu holen, welche nun mit leichtem Vibrato in der Atmosphäre bemüht ist, das Beste aus »Dalí 2.0« zu machen.

Damals, im aufregenden Jahr 2000, waren exakt 8.973 Besucher gezählt worden. Die verschiedenen Exponate aus der Bamberger Sammlung Richard H. Mayers gab es erstmals im deutschen Osten zu sehen. Dieses Jahr hängt die Latte etwas tiefer: »Wir rechnen mit etwa 6.000 Gästen«, sagt Frank Thieme, Schatzmeister des verantwortlichen Kunstvereins Plauen-Vogtland, nach Abzug des Premieren-Bonus’ von vor 15 Jahren. »Es sind auch andere Zeiten jetzt«, hängt Galerist und Kurator Peter Hochel hintenan und lässt den Satz unkommentiert im Raum stehen. Natürlich ist das Risiko für eine vergleichsweise kleine Galerie wie die Plauener immer noch enorm, obwohl sich die markanten Malzhaus-Etagen schon einen kleinen Namen in der Kunstwelt machen konnten. Hundertwasser hatten sie geholt, Chagall. Die »Rückschau in die Moderne« – über 100 grafische Meisterwerke von 84 Künstlern – hingegen lief, obwohl inhaltlich anspruchsvoll und außergewöhnlich, nicht ganz so gut. »Das ist für uns immer die große Unsicherheit, die bleibt. Einerseits wollen wir große Kunst zeigen, die die Leute ja auch sehen wollen, andererseits muss es bezahlbar sein beziehungsweise eben zu Konditionen erfolgen, mit denen wir auch klarkommen«, bringt es Hochel nüchtern auf den Punkt.

Es kann durchaus als Glücksfall gelten, dass vor knapp zwei Jahren der nordrhein-westfälische Kunstsammler Thomas Emmerling auf den Plauener Kunstverein zukam, im Gepäck die Offerte, mit Dalí mal wieder nachzulegen. »Leihgeber purzeln nicht vom Himmel«, weiß Peter Hochel. Er weiß aber auch, dass man sich in der Kunstszene untereinander kennt. Emmerling hatte gezielt recherchiert und konnte sich ganz offenbar ausmalen, dass das Plauener Haus in der Lage sei, das Thema zu stemmen. Über 200 Arbeiten Dalís sollen gezeigt werden; Druckgrafiken zu verschiedenen Werken der Weltliteratur. Unter anderem: »Die Göttliche Komödie« von Dante Alighieri, »Der Dreispitz« von Pedro Antonio de Alarcon und »Der alte Mann und das Meer« von Ernest Hemingway.

Die Geschichte zur Grafikserie »Die Göttliche Komödie« etwa ist symptomatisch für den göttlichen Nimbus, in dem sich Dalí seinerzeit zusehends wähnte. In seinem Weltbild gab er die Sonne, um die ein beständiges Spannungsfeld kreisen mochte, welches ihn letztlich aber nicht weiter scherte, allenfalls den Provokateur in ihm weckte. Doch den brauchte es diesmal gar nicht. Im Auftrag der italienischen Regierung hatte er, mittlerweile aus dem Exil in den USA zurückgekehrt nach Spanien, 1951 mit Aquarellen zur Illustration der berühmten Dichtung begonnen. Das Hauptwerk des Dante Alighieri gilt als eines der größten der Weltliteratur – eine durchaus würdige Liga für Salvador – spielt aber auch eine tragende Rolle im kulturellen Selbstbild des einstigen Imperiums: Die »Commedia« begründet die italienische Sprache als Schriftsprache. Zum 700. Geburtstag sollte Dante also entsprechend gewürdigt werden. Doch 1954 kam raus, dass diese ehrenvolle Aufgabe nun ausgerechnet nicht einem Italiener, dafür diesem halbwegs durchgeknallten Spanier übertragen wurde, dessen erstaunliche Bekehrung zum Katholizismus erst 1949 in einer Privataudienz von Pius XII. persönlich gesalbt worden und dennoch zumindest argwöhnisch zu betrachten war. In Rom tobte ein veritabler Shitstorm, die Regierung musste das Projekt fallenlassen. Was Dalí nicht weiter juckte: »Es ist ein Werk, das mich bis zur Besessenheit anzieht«, schrieb er über die komplexe literarische Vorlage, schuf 100 geniale Aquarelle, die schließlich in aufwändigster Technik in Farbholzschnitte übertragen wurden, und überraschte gleichzeitig durch sehr freie Interpretationen der Textstellen, der imaginären Reise durch Hölle und Fegefeuer ins Paradies. Später, ab 1960/61 etwa, erschienen dann verschiedene Editionen in mehreren Verlagen, die vielleicht bekannteste gab der Franzose Joseph Foret heraus.

Salvador Dalí (1904 – 1989)

»Man muss systematisch Verwirrung stiften. Das setzt Kreativität frei.«

Natürlich sind es nicht die originalen Aquarelle, die in Plauen gezeigt werden, sondern eben jene Abzüge aus den Editionen. Keine Einzelstücke. »Die Auflagen bewegen sich sicherlich im 100er Bereich«, schätzt Peter Hochel, aber das ist letztlich ohne Bedeutung für die Ausstellung. Das interessiert nur den Kunstmarkt. »Die Künstler selbst hatten ja auch ein berechtigtes Interesse an der Verbreitung ihrer Arbeiten. Bei Hundertwasser gingen die Auflagen in die Zehntausende, bei Miró war es ähnlich, das ist durchaus üblich. Nur Sammler schauen nach kleinen Auflagen und möglichst frühen Editionen – dem Publikum geht’s ums Motiv. Und das wird ja nicht schlechter, je mehr Abzüge es davon gibt.« Derart prestigeträchtige Objekte bleiben einem vogtländischen Kunstverein ohnehin verwehrt. »Wir kommen auch an keine Gemälde ran«, stellt Hochel klar. Da fehlen einfach ein paar Millionen im Etat, die alleine für die Versicherungen draufgingen. »Das ist sicher auch mal ein Thema für sich, warum Kunst einen so hohen Vermögenswert hat – aber es ist halt so.«

Man muss rechnen. Ein bisschen improvisieren. Die Chancen nutzen und gleich weiter in die Zukunft denken. Die Sammlung des Thomas Emmerling etwa soll sehr umfangreich sein, da steckt noch mehr Potenzial drin. Für künftige Ausstellungen etwa, die sich nach Plauen holen ließen. Es fallen andere klangvolle Namen: Dürer. Picasso. »Vor 2017 wird da aber sicher nichts passieren«, wägt Hochel ab. »Einen solchen Aufwand können wir uns nicht jedes Jahr leisten.« Man braucht auch Sponsoren, lokale und vielleicht sogar überregionale Partner, die auf den Zug aufspringen. Dalí in Plauen, das entfaltet eine gewisse Wirkung, die nach Schätzung des Galeristen gut 100 bis 150 km weit ins Umland strahlt. Die Medien feierten das Ereignis schon Anfang 2015, die Flyer werben bis Plzeň (Pilsen) im ohnehin sehr kunstinteressierten Tschechien.

Und in der Stadt bemüht man sich, touristisches Kapital aus »Dalí 2.0« zu schlagen, sich zumindest auch ein Stück weit damit zu identifizieren. Die Plauener Straßenbahn GmbH (PSB) etwa hat am 12. November einen ihrer kurz vor Ausmusterung stehenden Triebwagen der Öffentlichkeit präsentiert: Der ansässige Graffitikünstler André Bretschneider durfte sich auf der Karosserie mit Salvador ins Benehmen setzen, hat den Bugseiten jenen charakteristischen Schnauzer verpasst. Mindestens bis Ausstellungsende wird das Fahrzeug nun im täglichen Linienbetrieb für die Exposition werben; es ist nach der fröhlichen »IBUg-Monster-Bahn« schon das zweite PSB-Vehikel im künstlerisch-kulturellen Outfit, eine durchaus willkommene Abwechslung zu den kommerziell vermarkteten fahrenden »Litfaßsäulen« der Öffentlichen. Auch die Plauener Hotels haben zusammen mit dem Dachverband Stadtmarketing ein gemeinsames Angebot entwickelt, bieten thematische 4-Gänge-Menüs inklusive Eintritt zur Ausstellung und komplette Arrangements mit Übernachtung.

Salvador Dalí © Lidia Schwinger

»Ich bewundere Picasso. Keiner hat sein Öl so teuer verkauft wie er.«

Unter dem Motto »Wege zu Dalí« hat der Kunstverein obendrein noch ein Gewinnspiel aufgesetzt, in dem er das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. »Wir brauchen ja für diese Ausstellung zusätzliches Personal – also auch eine zusätzliche Einnahmequelle. Die sollte absichtlich optional sein, sonst hätten wir mit dem Eintrittspreis auf 10 Euro gehen müssen«, erklärt Hochel. Einer der Sponsoren, ein ansässiger Autohändler und erklärter Dalí-Liebhaber, hat bereits alle Orte in Spanien besucht, die mit dem Leben des »Göttlichen« und später vom König in den Adelsstand Berufenen in Verbindung stehen. Wäre es da nicht toll, wenn auch ein Besucher mal diesen Trip unternehmen könnte? Deshalb winkt als Hauptpreis nun eine sechstätige Reise für 2 Personen inklusive Flug und Mietwagen ins spanische »Dalí-Dreieck«. Platz zwei der Verlosung ist das Originalporträt mit dem Konterfei Dalís, welches sämtliche Werbemedien ziert. Dieses Bild wurde eigens von Lidia Schwinger, Leiterin des Malsaals am Vogtlandtheater gefertigt. Und die Drittplatzierten erwartet ein romantisches Candle-Light-Dinner für zwei Personen im Hotel Alexandra. Ein Los kostet 2 Euro, die Gesamtmenge ist limitiert. Erhältlich in der Malzhaus-Galerie und in der Plauener Touristinformation.

Es ist vielleicht nicht übermäßig groß, das Begleitkonzert zu »Dalí 2.0«, und das ist sicherlich auch gut so. Im Mittelpunkt steht die Kunst, die Ausstellung. Es wird einige Vorträge geben, man zeigt Filme. Und eine Pause steht im Programm: Zwischen 20. Dezember und 6. Januar bringt Hochel die Werke in Sicherheit. In dieser Zeit toben zwei Großveranstaltungen durchs Malzhaus, die das gesamte Gebäude in Beschlag nehmen. Elefanten auf Spinnenbeinen, gewissermaßen.

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
ILLUSTRATION: LIDIA SCHWINGER
FOTOS: MARKUS SCHNEIDER, ROGER HIGGINS (LIBRARY OF CONGRESS), GALERIE MALZHAUS