Burg Mylau: Der Kaiser und die vergessenen Schätze

Die Bewohner des kleinen Städtchens Mylau nennen sie am liebsten »Kaiserburg«, seit Ewigkeiten schon. Dabei logierte 1367 Karl IV. nur einen einzigen Tag auf dem wehrhaften Felsen über der Göltzsch, um dem kleinen Siedlungshaufen zu seinen Füßen das Stadtrecht zu verleihen. Aber das ist dem romantischen Herzen schon Anlass genug, das sich lieber von Legenden als historischer Akribie ernährt. Sina Klausnitz kommentiert es mit einem Seufzen im Blick. Als Leiterin des Museums auf Burg Mylau vermeidet sie die übertriebene Vokabel, ausreden können wird sie sie den Mylauern allerdings nicht. Denn das über 800 Jahre alte Gemäuer ist die einzige fast vollständig erhaltene und zugleich größte Burganlage im sächsischen Vogtland – und seit der Restaurierung des oberen Burgteils bis 2014 auch wieder ein wahres Juwel. Da klingt das Attribut der höchsten Krone gerade gut genug.

Knapp 3 Millionen Euro haben die Arbeiten gekostet, gefördert aus dem Ziel-3-Topf der EU. Projektpartner ist das Heimatmuseum Aš (Asch), das dort in der ehemaligen Feuerwache logiert. Die Zusammenarbeit sei prima, sagt Klausnitz und betont, dass sie das nicht etwa aus politischen Erwägungen so sagt. Tschechische Schulklassen fahren wirklich gern nach Mylau, wo mit der baulichen Instandsetzung vom Keller bis zum Dach überhaupt erst die wesentliche Grundlage geschaffen wurde, der echten Probleme habhaft zu werden. Die nämlich liegen im Fundus, der in weiten Zügen »noch so steht wie 1956«. Eine Rumpelkammer der Geschichte, wenn man so will, voller vergessener Schätze unter dem Staub von sechs Jahrzehnten.

Das museale Schicksal nahm seinen Lauf, als die Burg – bis ins 18. Jahrhundert von verschiedenen Besitzern bewohnt, dann als Industriestandort genutzt – 1892 in städtische Verwaltung überging. Noch im selben Jahr wurde der Schlossbauverein gegründet, der innert 16 Jahren den Gebäuden eine umfassende Sanierung und Neugestaltung im Stil des Historismus verpasste. Die üppigen, historisch nicht immer ganz korrekten Wandmalereien von Richard Harmisch aus Reichenbach im Vereinszimmer lassen erahnen, mit welcher Inbrunst man damals zu Werke ging. Klausnitz führt zu einer Fensternische: »Was gehört zu jeder Burg?« Ein Geheimgang! Hinter der Holztäfelung führen steile Treppenstufen durch die Außenmauer. »Leider zu gefährlich, um es für Besucher freizugeben.« Zurück zum Fundus.

Sina Klausnitz, Museumsleiterin

»Mit dem eigentlichen Bestand des Museums wurde nie wirklich gearbeitet. Da ist auch nichts inventarisiert worden. Aber das erleben wir dafür jetzt auch wie eine Neuentdeckung!«

Im März 2013 übernimmt die gebürtige Jenenserin Sina Klausnitz die Museumsleitung, zunächst als Schwangerschaftsvertretung, dann endgültig, als sich abzeichnet, dass ihre Vorgängerin nicht in den früheren Job zurückkehren wird. Zu diesem Zeitpunkt ist die Burg der diplomierten Restauratorin schon sehr gut vertraut. Familiär ohnehin schon seit je ans Vogtland gebunden, arbeitete Klausnitz auf freiberuflicher Basis bereits verschiedentlich für das Museum. Betreute etwa Sammlungen, restaurierte die Burgkapelle, in der heute auch wieder Trauungen stattfinden. »Nach der Wende rückte beispielsweise erstmal die Göltzschtalbrücke in den Fokus, die Mylau zu internationaler Bedeutung gereicht. Ihr bleibt auch künftig ein Teil der Dauerausstellung gewidmet, wobei wir uns jedoch auf originale Exponate beschränken.« Dann »grub« man das Vermächtnis und Erbe der Adelsfamilie Metzsch wieder aus, die Mylau in der Renaissance maßgeblich prägte, aber keine Rolle im Kulturverständnis des Arbeiter- und Bauernstaats zu spielen hatte. »Das Problem ist, dass mit dem eigentlichen Bestand des Museums nie wirklich gearbeitet wurde«, fasst Klausnitz zusammen. »Da ist auch nichts inventarisiert worden. Deshalb gehen wir das jetzt in kleinen Schritten an, anders ist es gar nicht möglich. Aber das erleben wir dafür jetzt auch wie eine Neuentdeckung!«

1893 zog der bereits 1876 gegründete Naturkundeverein Mylau mit seinem Museum in die Burg und entwickelte umfassende Sammeltätigkeit auf den Gebieten der Naturkunde, Mineralogie und Ethnologie. Man trug zahlreiche Fachliteratur zusammen und begründete so die Museumsbibliothek, erweiterte das Interesse bald auch auf kulturhistorische und volkskundliche Objekte – und die Burg Mylau entwickelte sich zum Heimatmuseum. Viel von allem, nichts Konkretes, könnte man aus heutiger Sicht vielleicht sagen. Sina Klausnitz formuliert es als Abwesenheit eines Leitgedankens in der musealen Ausrichtung, der aber zumindest dafür sorgte, dass der Bestand unablässig wuchs und so bisweilen beachtliche Sammlungen verschiedenster Art entstanden. Er sorgte allerdings auch für die hoffnungslose Überforderung nachfolgender Generationen mit der Gesamtsituation. Der verwaltungstechnische Coup von 1956, die Burg Mylau mit dem Museum Reichenbach zum Kreismuseum zu verschmelzen, machte es nicht besser. Zwar entstand so der zweitgrößte museale Bestand im sächsischen Vogtland, doch das Diktat der sozialistischen Museumskonzepte konnte mit vielen Exponaten so rein gar nichts mehr anfangen, und außerdem war die Reichenbacher Bürgerschaft alles andere als glücklich über den als Verlust empfundenen Umzug ihrer alten Archive. »Und so geriet das Museum mit der Zeit aus dem Bewusstsein, es gab nur wenig Förderung, machte aber viel Mühe.« Und als die Institution 1994 der Stadt Mylau zugeordnet wurde, stand die kleine Kommune vor einem riesigen Problem, das sich erst mit der Übernahme durch den Evangelischen Schulverein als neuen Träger 2010 zu lösen begann.

Mit den Gemälden, den Postkarten, Grafik und Fotografien sind sie bereits durch. Herausragende Veduten aus dem Hochbarock zählen beispielsweise dazu. Auch die ethnografische und die archäologische Sammlung haben Sina Klausnitz und ihr kleines Team aufgearbeitet. Drei Mitarbeiter stundenweise, drei ehrenamtliche Helferinnen. »Ohne die ginge hier gar nix.« Wissenschaftliche Unterstützung wäre wichtig, ist aber nicht in Sicht. Dafür engagiert sich die schlanke Truppe mit viel Leidenschaft, Herzblut und wertvoller Erfahrung. Das wird in der Dauerausstellung deutlich spürbar. Noch fehlen hie und da ein paar Beschriftungen, manches Objekt hat auch seinen endgültigen Platz noch nicht gefunden, entschuldigt sich die Museumsleiterin beim Rundgang durch den repräsentativen Wehrbau. »Wir befassen uns derzeit mit der Münzsammlung, die Bibliothek ist in Arbeit – und dann muss ganz dringend die naturkundliche Sammlung gemacht werden, die ist wirklich beachtlich, und dann die Möbel und die Textilien.« Freizeit? Nicht in hundert Jahren.

Insofern ist das bislang Erreichte mehr als beachtlich. Tatsächlich gerät der Rundgang durchs Museum zu einem dynamischen Streifzug durch Epochen und Aspekte, gleichsam modern wie auch liebevoll und spannend arrangiert. Da bleibt angesichts des opulenten alten Ratssaals zwar erstmal kurz die Spucke weg – man kann den Raum übrigens mieten – aber in Erwartung dessen, was die Keller und Verliese noch so hüten mögen, läuft einem das Wasser im Munde genauso schnell wieder zusammen. Und auch die Gegenwart ist präsent: Im Schuleum der Burg wechseln sich etwa quartalsweise bestimmte Sonderausstellungen ab. Derzeit hängen dort noch Gemälde von Manfred Feiler, ab 26. Februar werden Fotografien aus Siebenbürgen von Kilian Müller zu sehen sein. So ist es letztlich doch die unerwartete, inzwischen pointierte Vielfalt, die besticht, und in der sich mehr außergewöhnliche Objekte finden als man meinen möchte. Das wertvollste Stück etwa ist – wie so oft – winzig klein: Ein aus Knochen geschnitzter Griffel mit Würfelverzierungen, der ins 14. Jahrhundert datiert wird und bei Ausgrabungen gefunden wurde. Vielleicht stammt er aus dem baltischen Raum und gehört zum alten Spiel »Über Zehn«, das bleibt vage. Vergleichbare Objekte sind jedenfalls nicht bekannt. Und da es von der Zeit her passen könnte, drängt sich dem Betrachter die naheliegende Legende ganz von selbst auf: Natürlich hat den Griffel ein Ritter aus dem Gefolge Kaiser Karl IV. hier verloren. Es kann eigentlich gar nicht anders sein.

TEXT & FOTOS: MARKUS SCHNEIDER