Heinrich-Schütz-Haus, Bad Köstritz: Die Wiege der Barockmusik

Am 8. Oktober 1585 kam Heinrich Schütz in Bad Köstritz zur Welt. Genau 400 Jahre später wurde aus seinem Geburtshaus ein Museum. Dort lässt sich nun der Lebensweg des ersten deutschen Komponisten verfolgen, der internationale Bedeutung erlangte und stolze 55 Jahre seines Daseins als Hofkapellmeister in den Diensten der sächsischen Kurfürsten stand, 30 Jahre davon während des Großen Kriegs (1618–1648). Das Museum, das dieses Jahr selbst ein Jubiläum feiert – sein 30. – sammelt und forscht nicht nur zum Wirken von Schütz selbst, es setzt auch den weiteren Kontext an.

Über sechs Räume und eine Fläche von etwa 180 m² erstreckt sich die Dauerausstellung zu Leben, Werk und zeitlichem Umfeld des Frühbarock-Komponisten. Seit 1993 ist Museumsleiterin Friederike Böcher im Haus. Ihr Wissen um das Schützsche Wirken, die musikgeschichtlichen Besonderheiten, das Instrumentarium jener Zeit könnte wohl ganze Bände füllen. Anfangs noch mit Leihinstrumenten zur Anschauung ausgestattet, begann sie mit ihrem Team um die Jahrtausendwende eine rege Sammeltätigkeit zu entfalten – darunter auch zahlreiche Stiche und Schabkunstblätter – und einen umfassenden Bestand an Nachbauten all der Instrumente anzulegen, die heute kaum noch in der Öffentlichkeit zum Einsatz kommen: Chitarrone, Lauten, Rankette, Dulzian und Virginal, Zinken und Posaunen. »Unsere neue Instrumentenkammer zeigt, was Schütz damals in Dresden vorgefunden hatte, als er Hofkapellmeister wurde. Das sind alles keine Originale sondern eben Nachbauten, denn die haben einen ganz entscheidenden Vorteil: Wir dürfen sie spielen!« Wir, das meint in dem Fall die »Köstritzer Spielleute« unter Leitung von Ilse Baltzer, die sich regelmäßig im Schütz-Haus treffen und eingehend mit Alter Musik beschäftigen, diese dann auch zu verschiedenen Gelegenheiten im Hause und auch außerhalb zu Gehör bringen. Böcher selbst leitet die 1994 gegründeten »Flötenkinder«, eigentlich der musikalische Nachwuchs, aber mittlerweile zu einem viele Generationen übergreifenden Ensemble von ungefähr 20-köpfiger Stärke angewachsen. Das älteste »Flötenkind« ist 80 Jahre alt.

Musizieren wird im Schütz-Haus großgeschrieben. Mehr noch, hier hat sich über die Jahre so etwas wie der Stammsitz einer regelrechten Museumsfamilie herausgebildet, die sich zum Haus zugehörig fühlt. »Einmal im Monat haben wir unsere Musikalischen Museumsrunden«, erzählt Böcher. »Da gibt es einen wie auch immer gearteten kulturhistorischen Vortrag über was auch immer – nicht nur Musik, nicht nur Schütz – mit anschließender Kaffeetafel.« Bis zu 40 Besucher finden sich dann ein, aber meist nicht des spezifischen Themas wegen. »Die haben einfach nur den Termin im Kalender stehen, weil sie wissen: egal was kommt, es wird verständlich vorgetragen. Das ist Populärwissenschaft im Wortsinn!« Dieser Rückhalt in der Bevölkerung, das Familiäre ist ein nicht unwesentlicher Bestandteil im ganzen Museumsbetrieb an sich. Bad Köstritz liegt etwas ab vom Schuss, die Busse voller kulturhungriger Touristen werden eher im nahen Gera angespült.

Friederike Böcher selbst hätte sich noch zu Studienzeiten auch nicht träumen lassen, einmal die bauliche Wiege und das künstlerische Erbe eines Heinrich Schütz in Ostthüringen zu hüten. Sie stammt aus Witten in Nordrhein-Westfalen und wollte aus der Region eigentlich auch nie weg. Was fehlte, war die angestrebte Stelle als pädagogische Mitarbeiterin an einer Volkshochschule. Als dann jedoch der Ruf nach Bad Köstritz erfolgte, war ihre Entscheidung pragmatischer Natur: »Ich bin Geisteswissenschaftlerin. Und wenn man als Geisteswissenschaftler eine Stelle als Museumspädagogin angeboten bekommt, dann geht man.« Überraschenderweise gefiel der Job, denn das kleine Team – 3 Vollzeit- und 2 Teilzeitstellen – bedeutet zwar mehr Arbeit für den Einzelnen, zugleich aber eben auch in ganz verschiedenen Bereichen. Und gekrönt von der Erkenntnis, wirklich etwas bewirken zu können. »Nur ein bisschen mehr Platz wäre schön.«

Es ist wie so oft: Je tiefer man in die Materie eintaucht, umso freundlicher umfängt sie einen. Verband man bisher mit Barockmusik allenfalls Bach und dachte an die Brandenburgischen Konzerte, will man sich nun plötzlich mit historischer Aufführungspraxis und mehrchörigen Gesängen beschäftigen, will man vielleicht selbst an den Hausmusiktischen Platz nehmen, die nur auf den ersten Blick beengt wirken, will man unter den strengen Blicken des Heinrich Posthumus Reuß den Generalbass entdecken und ein Zimmer weiter verblüfft erleben, wie ein an sich leises Instrument immer lauter wird, weil die plötzlich die Ohren aufgehen, das Gehör auf einer vergessen geglaubten Ebene einsetzt und eine Musik Herz und Geist durchdringt, die einem Menschen des 17. Jahrhunderts natürlich göttlich anmuten musste. An dem Klavichord lässt sich das exemplarisch nachvollziehen: Der von Böcher veranlasste Nachbau jenes mit Manual und Pedal versehenen einfachen Tasteninstruments, wie es auch Schütz zur Verfügung gestanden haben dürfte, ist die neueste Errungenschaft des Museums. Ein Stück meisterhafte Handwerkskunst, nicht eben günstig. Das weltweit einzige Instrument dieser Art.

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: MARKUS SCHNEIDER, HEINRICH-SCHÜTZ-HAUS