Festhalle, Plauen: Auf dem Prüfstand

VENUES IM VIERLAND

Es gibt prinzipiell zwei Wege, ein Venue, also einen (festen) Austragungsort für Veranstaltungen aufzubauen: Man plant den großen Wurf von langer Hand oder man entwickelt sich eher zufällig dahin. Beides hat so seinen Reiz, beides auch sein Risiko. Manchmal liegt die Wahrheit der Geschichte auch irgendwo dazwischen. Und immer ist es spannend. Wieso funktioniert eine große Halle und eine andere nicht? Wie hält man ein solches Lokal am Laufen? Diese und andere Fragen wollen wir in unserer neuen Serie beantworten, die die wichtigsten und beachtenswertesten Venues im Vierland vorstellt.

Seit dem ersten Bretterbau von 1888 hat die Plauener Festhalle schon so manches überstanden, Formen und Systeme, turbulente Zeiten. Als der Gastronom Grimm den ersten Saal aus Holz unter dem Namen Centralhalle errichten ließ, waren die Plauener an diesem Platz etwas außerhalb des Stadtzentrums bereits heimisch – mit dem städtischen Vogelschießen. Man hatte den Schützenwettbewerb aus Gründen der Sicherheit an die Peripherie verlegt. 1925 Neubau, die erste Festhalle, direkt neben der ein gutes Dutzend Jahre zuvor etwas umgesetzten Centralhalle, welche nach dem Krieg verfeuert wurde. 1983 Sperrung wegen schwerer Baumängel, drei Jahre darauf der nächste Neubau, diesmal aber »heimlich«: Die kommunistischen Machthaber hatten nur die Sanierung des alten Gebäudes erlaubt. Eröffnung pünktlich zum »Tag der Republik« 1989, als im Stadtzentrum gerade das Ende der Republik eingeläutet wurde. Von der Festhalle aus wurde zu der Zeit auch der Betrieb des Parktheaters auf der anderen Seite der Stadt koordiniert, wo das jährliche Spitzenfest stattfand, vor dessen endgültigem Umzug in die Stadtmitte. Über 10 Jahre zeichnete man im großen Saal des Haupthauses die Fernsehsendung »Achims Hitparade« auf, 2007 investierte die Stadt Plauen schließlich recht umfangreich in Modernisierung und zweckmäßige Erweiterung des Gebäudes – ein kleiner Saal und ein großes Foyer wurden angebaut – obwohl man zwischenzeitlich, genau genommen schon seit 1995, doch nicht ganz sicher war, die größte Spielstätte der Kommune weiterhin im Haushalt als stadteigene wirtschaftliche Einrichtung stemmen zu können. 2016 bezogen die Stadträte nun endlich Stellung. Auf Grund eines umfangreichen Betreiberkonzepts beschlossen sie, Haus und Herrschaft über den Spielbetrieb auch künftig nicht in fremde Hände zu geben. Davon unabhängig, aber zeitgleich, wurde ein erfahrener Mitarbeiter der Festhalle zum neuen Leiter. Ronny Bley, Jahrgang 1971, schaut mit dieser Rückendeckung voller Tatendrang in die Zukunft.

Die langjährige Leiterin Elke Fickert war 2015 nach langer Krankheit verstorben. Sie war es, die Bley schon 1996 eine Praktikumsstelle während dessen Umschulung zum Werbekaufmann und damit eine Chance in der Veranstaltungsbranche gab. Nun bekleidet er als ihr Nachfolger den Posten des Chefs im Haus, ist wie schon zuvor auch weiterhin für die Eigenveranstaltungen verantwortlich und kümmert sich um Werbung sowie Vermarktung von Events und den Komplex als Mietobjekt. Ein breit gefächertes Aufgabenspektrum, dessen Personalunion zwar vieles vereinfacht, aber auch sehr einbindet. Deshalb wurde die Stelle des Technischen Leiters neu geschaffen, inklusive dessen Weiterbildung zum Meister, um allen gesetzlichen Anforderungen, aber auch denen der Künstler oder Veranstalter gerecht zu werden. Ihm unterstellt sind weiters ein Licht- und ein Tontechniker, außerdem gibt es einen Auszubildenden zum Veranstaltungstechniker und den unentbehrlichen »Mann für alles«. »Notfalls kann ich das Lichtpult aber – wie jeder hier – auch bedienen«, schiebt Bley nach, betont aber immer wieder die Verlässlichkeit und den Zusammenhalt im Team. Anders sei das gar nicht zu machen, manchmal 4 verschiedene Veranstaltungsprofile an 4 aufeinanderfolgenden Tagen – »das klappt nur dank der Umsicht und dem Engagement der Mitarbeiter«. Dazu zählt er auch die beiden Damen in der Verwaltung, für die Aufgaben im Hintergrund, über Ticketverkauf und Buchhaltung hinaus.

Jährlich finden in den Sälen etwa 100 Veranstaltungen statt. Man versteht sich als Multifunktionshalle, und die Programmvielfalt unterstreicht dies. Neben Konzerten, Bällen, Partys, Showveranstaltungen, Kabarett, Comedy, Vereins- oder Volksfesten, Messen, Ausstellungen und Vorträgen wird die Festhalle auch für Prüfungen genutzt, für kirchliche und politische Tagungen oder interne Events von Firmen. So sind die jährlich bis zu 80.000 Besucher gar nicht immer offensichtlich. Bis 2014 ist die Gästezahl sogar immer wieder gestiegen und sank erst 2015 ein wenig. Als neuer Leiter betrachtet Bley diese Tatsache eher nüchtern. Behält dennoch jede Entwicklung im Blick, zieht doch die Konkurrenz das Publikum mit immer spektakuläreren und gewaltigeren Shows in die großen Hallen und Arenen der Ballungszentren. Zudem scheine im Vogtland trotz aller Bemühungen eine gewisse Sättigung erreicht. Um gegenzusteuern, tritt die Festhalle auch selbst als Veranstalter in Aktion. Mindestens eine von zehn Veranstaltungen ist keine Einmietung – hier kann Bley an der Ausrichtung drehen, das Angebot bunter gestalten.

Weiterhin nicht viel ändern, wie aus dem eingangs erwähnten und für die Zukunft so wichtigen Betreiberkonzept hervorgeht. Das hatte der kommunale Geschäftsbereich Oberbürgermeister/Controlling zusammen mit Bley erarbeitet. Enthalten waren neben reinem Zahlenwerk auch Betrachtungen zu den Stärken und Schwächen des Veranstaltungsorts, Chancen und Risiken, die allgemeine Marktlage samt Mitbewerbersituation, die Organisationsstruktur, Nutzungsstatistiken, Finanzierungspläne. All das mündete schließlich in die Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile verschiedener Szenarien für den weiteren Betrieb. Denkbar waren theoretisch die Vergabe an einen externen Wirtschaftsbetrieb, bloße Verpachtung des Komplexes an einen Dritten, die Überführung in eine selbständige kommunale Betriebsgesellschaft oder gar einen Verein. Nach Prüfung rechtlicher, sachlicher und wirtschaftlicher Gesichtspunkte konnte aber schon auf dem Papier abgelesen werden, dass das bisherige Konzept wohl am sinnvollsten sei.

RONNY BLEY Leiter Festhalle Plauen

»Volle Kraft voraus!«

Für Ronny Bley bedeutet der Beschluss nun volle Kraft voraus. Und er tut das aus Überzeugung, sieht die Gegebenheiten als Herausforderung und belegt alle angesprochenen Punkte mit positiven Aspekten. So ist die regelmäßige Finanzierung der Einrichtung als Teil des städtischen Haushalts zwar schon für ein ganzes Jahr im Voraus zu planen, im Fall der gern angewandten vorläufigen Haushaltsführung vor allem zu Beginn des Jahres etwas heikel, dafür aber auch eine feste Plangröße für Instandhaltung, Anschaffungen, Personal oder Werbebudget. Mit kühlem Kopf und spitzem Stift sei das, was andere als finanzielles Korsett sehen würden, durchaus komfortabel. Überhaupt, gerade einmal knapp über 333.000 Euro gab die Stadt Plauen im Jahr 2016 als Zuschuss für den Betrieb der Halle aus – einen etwas höheren Betrag erwirtschaftet die Halle zusammen mit dem Festplatz durch Vermietung, Dienstleistungen vor Ort oder selbst verantwortete Veranstaltungen aus eigener Kraft. Trotzdem musste der Stadtrat dem neuen Chef des Hauses mit seinem Beschluss aber auftragen, die Gebühren zur Nutzung der Festhalle ein wenig zu erhöhen. »Natürlich achten wir darauf, dass die Mietpreise und internen Dienstleistungen wettbewerbsfähig bleiben.« Die in Sachsen einzigartige Unterstützung über die Kulturräume muss sich hier auf Investitionen zum Erhalt der Spielstätte beschränken, der Spielbetrieb ist in einer Multifunktionshalle nicht förderfähig. Also dürfen auch Eigenveranstaltungen kein negatives Ergebnis einfahren. Und es sind genau diese Events, die im Gefolge bisweilen internationaler Stars wie Motörhead, Boss Hoss, Die fantastischen Vier, Christina Stürmer, Alice Cooper oder jetzt aktuell nochmals Albert Hammond auch zahlreiche Besucher in die Spitzenstadt lockten. »Wir würden gern viel mehr solcher Highlights präsentieren, aber der Spielraum für Experimente ist klein, die Wünsche der Besucher ändern sich schnell.« Bley hat sein Ohr schon seit je ganz nah an den Leuten.

Und manchmal gerät er mit der Halle auch an deren Grenzen. Zwar sei die Kapazität der Säle ausreichend für die Region, es fehlten aber Räume für Seminare oder Workshops, die Künstlergarderoben reichen manchmal nicht aus, eine kleine Küche für die Verpflegung der Künstler wäre von Vorteil und ein Raucherbereich im Gebäudeinneren fast schon Luxus. »Platz für einen weiteren Anbau hätten wir, das wurde bei den Maßnahmen 2007 schon beachtet, machbar werden solch umfangreiche Umbauten aber erstmal nicht sein.« Auch die Flexibilität und Funktionalität der Bühnenbeleuchtung könnte durch ein anderes Befestigungskonzept deutlich gesteigert werden – das aber erlaubt die Statik nicht. So hängt fast alles an einem Gerüst aus Traversen, flankiert von den großen schwebenden Lautsprechertürmen des vogtländischen Herstellers KME. »Selbstverständlich von hier!«, sagt Bley. Ebenso selbstbewusst ist er beim Thema Bühne, welche aus der Ecke mit einer ewig langen dreiseitigen Kante in den großen Saal ragt. Eine absolute Besonderheit, Herausforderung für jeden Tontechniker und die Künstler ebenso, aber eben auch das Gefühl für den Besucher, viel näher am Geschehen zu sein.

Nicht so richtig nah am Geschehen sei hingegen die Lage der Festhalle an der Äußeren Reichenbacher Straße – das hört Bley oft. Aber beste Anbindung an die Straßenbahn und 500 kostenfreie, von allen Autobahnen unkompliziert erreichbare Parkplätze direkt vor der Tür und ein großzügiges Gelände, das genug Abstand zur Nachbarschaft verschafft, sollten die nicht einmal 2 km Entfernung zum Stadtzentrum aufwiegen, wo sich das ebenfalls von der Stadt geförderte Malzhaus oder das Vogtlandtheater befinden. Keine Konkurrenz für Bley: »Sicher gibt es Überschneidungen, aber die grundsätzliche inhaltliche Ausrichtung ist eine ganz andere.« Seine Haltung ist grundsätzlich diplomatisch, offensichtlich abgeklärt im Umgang mit allen Widrigkeiten. Lediglich die Bürokratie als Pferdefuß der kommunalen Trägerschaft mache manche Dinge schwierig, verhindere sie schlimmstenfalls gar, aber Bley leitet daraus nur die Herausforderung ab: »Damit müssen wir umgehen können. Es bringt ja nichts, sich von den Umständen aufhalten zu lassen – wir müssen Wege finden, Lösungen mit denen es weiter vorwärts gehen kann.« In der Praxis sieht das dann zum Beispiel so aus, dass der jahrelang von der Sparkasse Vogtland im Plauener Malzhaus durchgeführte Hobby- und Künstlermarkt ab diesem Jahr nicht mehr hätte stattfinden sollen. Binnen ein, zwei Wochen klärte Bley alle Möglichkeiten und holt das Event nun per 1. Advent in die Festhalle. Inklusive Unterstützung des vorherigen Veranstalters Sparkasse und einer Vision: »Ich würde gern eine Weihnachts-Erlebniswelt schaffen, mal schauen, was wir in der Kürze der Zeit schon dieses Jahr hinbekommen, aber das kann ja wachsen.«

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: FESTHALLE PLAUEN
AUS

#0011 / 2016