Thomas Thomaschke: »Man kann das nicht vom Schreibtisch aus machen«

23 Jahre Festival Mitte Europa – und noch immer: Projektstatus, Vorurteile, unklare Nachfolge. Doch Gründer und Intendant Thomas Thomaschke schaut unverdrossen nach vorn.

Herr Thomaschke, was kann die Kultur in der Mitte Europas, das die Politik nicht kann?
Sie kann auf etwas unkompliziertere Weise bewegen, durch gemeinsame Emotionen, dass man sich zusammenfindet – weil man nicht so viel politische Meinung braucht.

Sie haben das Leben und insbesondere die Kultur viele Jahre auf beiden Seiten des einstmals geteilten Deutschlands erlebt. Welche Grenzen, um es mit Lord Yehudi Menuhin zu sagen, gilt es heute noch zu schmelzen?
Ganz einfach: Vorurteile. Ich sehe in der Entwicklung nach dem Fall der Mauer und Grenzen immer wieder neue Vorurteile auftreten, und das ist gewissermaßen auch menschlich. Ganz deutlich zeigt es sich vor allem in den Grenzgebieten, dass die Lage dann eben doch ein bisschen komplizierter ist. Deswegen ist noch eine ganze Menge zu tun, damit man wirklich zusammenkommt und nicht nur redet.

Bezogen auf die nachbarschaftlichen Verhältnisse zwischen Deutschland und Tschechien, können Sie da schon eine Annäherung ausmachen?
Ja, die Annäherung ist schon da, aber wie gesagt: Wenn sich Systeme politisch entwickeln und zusammenwachsen wollen, zu einem „Europa“ gar, zeichnen sich natürlich in den Grenzgebieten immer die großen Vorurteile ab. Man kann es dort besser ablesen als in den Haupt- und Großstädten.

Welche Vorurteile sind das denn?
Manchmal einfach so ganz primitive Dinge; man sagt, die Tschechen fahren jetzt immer nur nach Deutschland zum Einkaufen – früher hieß es, die Deutschen fahren immer nur nach Tschechien einkaufen. Dass die Krone im Verhältnis zum Euro abgewertet wird. Solche Sachen. In vielen Familien kann man tatsächlich auch heute noch erleben, dass die Generation der Aussiedlung beziehungsweise Neuansiedlung in den Grenzgebieten (auf tschechischer Seite; Anm. d. Red.) längst nicht so mit der neuen Heimat verwurzelt ist. Verständlich, natürlich. Und auf der anderen Seite habe ich auch im Vogtland schon viele solcher Situationen erlebt. Das sind alles Dinge, die sich erst noch entwickeln müssen. Wobei die junge Generation sicherlich weniger Probleme damit hat, aber von den Menschen um die 50 immer noch viele Vorurteile übermittelt bekommt.

Von welcher Seite, denken Sie, ist die Annäherung schwieriger – von Deutschland nach Tschechien oder umgekehrt?
Das kann man, glaube ich, nicht so eindeutig sagen. Wir haben viele Erlebnisse, wo es wunderbar klappt und sich die Menschen zusammenfinden, kennenlernen, sich dann privat außerhalb des Festivals treffen und gegenseitig besuchen. Doch es gibt auch andere Leute – ein Beispiel: Eine Dame kommt nach Maria Kulm und fotografiert das ganze Konzert über. Als man sie darauf anspricht, sagt sie: „Hier ist meine Heimat, hier kann ich tun, was ich will.“ Also so eine plakative Aussage. Und letztendlich haben wir das Festival ja auch dafür geschaffen, um bestimmte Räume – wie eben auch Kirchen – wieder bewusst zu machen. Und das nicht nur auf der tschechischen Seite. Oft ist es tatsächlich so, dass man die kulturellen Gebäude, die ringsherum liegen, zu wenig kennt. Und dafür soll das Festival ein Ansporn sein, oder besser gesagt: ein Angebot.

Als Sie 2010 in Prag neben Bob Geldof mit dem Europäischen Preis Trebbia ausgezeichnet wurden, bezeichnete der Laudator das Festival Mitte Europa als Phänomen. Kommt es Ihnen selbst auch immer noch wie eine Ausnahmeerscheinung vor?
(lacht) Manchmal schon, ja. Weil es natürlich nach wie vor finanziell nicht auf sicheren Füßen steht; das ganze Festival wird ja immer noch und stets aufs Neue im Projektstatus durchgeführt. Da würde man sich natürlich wünschen, dass es nach 23 Jahren etwas leichter wäre, was die Finanzierung betrifft. Aber es ist insgesamt eine sehr, sehr interessante Arbeit. Weil es eine interessante Region ist und man immer wieder Anstöße geben kann. Das ist ja die Aufgabe des Festivals – nicht nur Kultur zu wirken. Um wieder ein Beispiel zu nennen: Wir ziehen neuerdings auch in die Fabrikproduktionen. Also wenn man etwa in Treuen bei Goldbeck im Maschinensaal ein Konzert veranstaltet, dann riecht es nicht nur nach Öl, sondern die Leute kommen wirklich zum ersten Mal in eine solche Halle und sehen dort auch, was nach der Wende geschaffen worden ist. Das ist wichtig, so etwas zu zeigen, damit nicht nur alles im Pessimismus verhallt.

Sie haben dieses Jahr dem Gesang einen Schwerpunkt gesetzt. Was hat Sie dazu bewogen?
Nun ja, das ist eine kleine Verneigung vor Lord Yehudi Menuhin, dem ich sehr nahe stand. Ich habe sehr viel als Sänger mit ihm zusammen gesungen. Und das hat mich bewogen, angeregt durch sein Zitat, dass eben der Gesang eine besondere und zugleich ursprüngliche Sprache des Menschen ist, dahingehend einen Schwerpunkt zu setzen. Aber es gibt natürlich viele Aspekte, die wir in den letzten Jahren kontinuierlich als Reihe fortgesetzt hatten: die Förderung der jungen Künstler, Genius Loci, was sich speziell mit dem deutschen Kulturerbe im Osten beschäftigt, und für die Kinder die Reihe „Das Glockenspiel“. Und in diesem Jahr möchte ich hervorheben, dass wir uns auch des Themas Drogen annehmen, weil wir der Meinung sind, dass das in dem Grenzgebiet wirklich zu einem Problem geworden ist. Deshalb zeigen wir am 8. Juli etwa das Stück „Welche Droge passt zu mir?“ in Plauen auf der Kleinen Bühne und hoffen, dass viele Leute kommen und man darüber diskutieren kann, wie man dieser Probleme eigentlich hier Herr werden könne.

Lord Yehudi Menuhin (1916 – 1999)

»Das Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen: denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können – mit all unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen.«

Es geht also auch darum, regional aktuelle Aspekte der Gesellschaft kulturell zu verarbeiten?
Darum sind wir stets bemüht. Als 2000 beispielsweise die Vogtlandbahn eingeführt wurde, haben wir den ersten Triebwagen bemalt. Es gibt viele solcher Aktionen übers ganze Jahr. In einer frisch renovierten Kirche sieht das Publikum, dass bereits was passiert ist. Deshalb freue ich mich eben auch, wenn es noch ein ruinöses Gebäude ist – denn da kann das Festival als Motor, als Impuls für weiteres Engegament wirken.

Unter welchem Motto steht dieses Jahr der traditionelle Abschluss, die Internationale Meisterklasse für Gesang in Mißlareuth?
Oh, da gibt es kein Motto. Arbeitsgrundlage ist jedes Jahr das deutschsprachige Repertoire. Ich bin halt ein Deutscher und deutsch ist meine Muttersprache, obwohl ich während meiner internationalen Sängerkarriere in acht Sprachen gesungen habe. Die internationale Meisterklasse ist die Urzelle des Festivals Mitte Europa.

Sie suchen nach wie vor einen neuen künstlerischen Leiter, der Ihre Nachfolge antreten soll. Was macht das so schwierig?
Die Aufgaben- und Zielstellungen dieses Orts- und Ländergrenzen übergreifenden Festivals, welches als Reaktion auf den Fall des Eisernen Vorhangs entstand, werden von seiner geographischen Lage und der damit verbundenen Geschichte der deutsch-tschechischen Grenzregion geprägt. Das macht es nicht ganz einfach, jemanden für die kontinuierliche Festivalweiterführung zu finden, weil man sich mit dieser Philosophie genau auseinandersetzen muss. Das heißt also nicht nur, ein Programm zu schreiben und aufzustellen; zudem habe ich während meiner Leitung immer angestrebt, dass der Künstler, die Musik und der Veranstaltungsraum weitgehend zu einem Gesamtkunstwerk für ein starkes emotionales Erlebnis verschmelzen. Die politische Prägung des Festivals ergibt sich auch aus meinem Leben. Ich bin ja mit meiner Familie aus der DDR geflüchtet und wir meinten, als wir das Festival gründeten, dass es durchaus angebracht sei, in dieser historischen Zeit etwas zu tun und sich zu engagieren. Die Leitung dieses Festivals sollte man nicht vom Schreibtisch aus machen, sondern man muss die Region und die Orte sehr genau kennen. Und das wiederum ist auch das Interessante – was aber natürlich Arbeit macht, wenn man ein Festival in 65 Kommunen durchführen will. Die Veranstaltungen zu koordinieren, inhaltlich wie auch terminlich, ist recht aufwendig.

War dafür nicht ursprünglich Ihr Sohn Philipp vorgesehen?
Ja, es wäre schon ideal gewesen, aber es war seit langer Zeit immer mehr überschaubar, dass diese Absicht nicht zu realisieren ist. Das Festival stellt ja nicht nur in der Vorbereitung, sondern vor allen Dingen in der Durchführung eine hohe Belastung dar und dafür muss man über eine robuste Gesundheit verfügen.

Gibt es denn etwas, was Sie dieses Jahr gern ins Programm mit aufgenommen hätten, aber nicht konnten?
Es gibt viel, da möchte ich jetzt nichts hervorheben. Ich würde gern zur Unterstützung der regionalen Entwicklung eine ganze Menge machen, aber man muss immer realistisch bleiben und es soll ja auch ein bisschen erdverbunden sein. Die „familiäre Atmosphäre“ macht den Charme des Festivals ja auch ein Stück weit aus; das heißt, die Künstler fühlen sich wohl, das Publikum soll sich wohlfühlen, und das bedarf auch einer Betreuung vor Ort. Es hatte schon immer seinen Sinn, warum die Leitung also wirklich zu fast jeder Veranstaltung vor Ort gewesen ist und das nicht alles weiter delegiert hat.

Thomas Tomaschke

Und was wäre, wenn sie zurückdenken über all die Jahre und auch in die Zukunft schauen – soweit man diese jetzt überblicken kann – was wäre ihre kühnste Vision?
Dass das Festival erhalten bleibt! Ich denke, es hat sich während der 23 Jahre zu einer echten Tradition entwickelt, die man weiterleben lassen sollte. Ich glaube, dass es ein wichtiger Beitrag für die Entwicklung und die gemeinsame Zukunft der Region ist. Und was bis jetzt sehr erfreulich war: Es findet gleichberechtigt deutsch-tschechisch statt! Wir gehören der tschechischen Festival-Assoziation als einziges Festival an, das auch noch in Deutschland stattfindet. Das zeigt, welchen Stellenwert es auch auf der tschechischen Seite hat und dass die Tschechische Republik das Festival durchaus als ihr eigenes Produkt betrachtet.

Vor drei Jahren waren Sie schon mal an dem Punkt, Ihr Lebenswerk aus der Hand zu geben, für das Sie und Ihre Frau sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten haben. Was ist das für ein Gefühl, so etwas loszulassen?
Oh, wir hatten und haben damit keine Probleme. Ich bin schon mit 22 Jahren durch meinen Sängerberuf durch die Welt gefahren, habe genug von ihr gesehen. Und als 20 Jahre Festival voll waren, hielt ich es für an der Zeit, den Stab weiter zu reichen. Aber wie ich schon sagte: Es ist gar nicht so leicht, jemanden an die Spitze zu setzen, der nicht nur das Programm aufschreibt. Ein Nachfolger wird sicher auch andere künstlerische Wege gehen, aber die gesellschaftspolitische Aussage, die dem Festival zu Grunde liegt, die sollte er doch weiterleben.

Welche Rolle würde Ihnen künftig am ehesten liegen – die des genießenden Besuchers, die des kritischen Mentors, die der grauen Eminenz?
(lacht) Nein, keine graue Eminenz! Mir hat mal ein Mensch einen wunderbaren Satz dazu gesagt: „Entweder man geht weg und betrachtet sein Werk nur von außen, aber nicht mit kritischen Blicken, oder man bleibt – und dazwischen gibt es nichts.“ Wenn meine Frau, die als Tschechin und promovierte Kunsthistorikerin zusammen mit mir dieses Festival aktiv geprägt hat, und ich gehen, dann werden wir das sicherlich mal als Besucher begleiten, aber wir haben selbst so viele wunderbare Erlebnisse gehabt, dass wir nicht sehnsuchtsvoll daran festhalten müssen. Man schaut nach vorne!

Vielen Dank für das Gespräch!

INTERVIEW & TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: WOLFGANG SCHMIDT, MARKO FÖRSTER, THOMAS THOMASCHKE, HERMANN POSCH