Festivalsommer im Vierland

Der Leuchtturm fällt, und keiner schreit

Der Sommer im Vierland beginnt schon Ende April. Mit einer Nachricht, auf die viele Menschen gewartet haben, von denen manche hofften, dass sie ausbliebe, und zu deren Inhalt passend der Himmel ein paar Eimer kalten Wassers mit fauchenden Windböen auf die Erde kippt: Das Festival Mitte Europa (FME) findet 2016 nicht statt! Ausgerechnet im Jubiläumsjahr wird das Insolvenzverfahren über den Trägerverein »Mißlareuth 1990. Mitte Europa« eröffnet, entscheidet das Amtsgericht Dresden, nicht mal für eine eilends komponierte verkürzte Ausgabe gibt es im 25. Jahr noch Chancen. Doch die eigentliche Tragödie ist, dass es zwischen Pirna und Wunsiedel auffallend ruhig bleibt. Keine harschen Proteste der Politik, keine Eilspenden der Wirtschaft, nicht mal die kulturinteressierte Bürgerschaft verfällt in ein wahrnehmbares Lamento. Das wundert, auch wenn die Mitte Europas diesen Sommer beileibe nicht nur dieses eine Festival feiern wollte.

»Den großen Aufschrei hat es nicht gegeben, zumindest habe ich nichts davon mitbekommen«, sagt Insolvenzverwalter Christian Heintze aus Dresden und vermutet, dass dies ein grundsätzliches Problem widerspiegelt: »Man hat das Festival wohl über viele Jahre gern hingenommen, wurde davon aber vielleicht gar nicht mehr richtig angesprochen.« Denn die finanziellen Probleme allein können es nicht gewesen sein. Schon seit je werden Veranstaltungen solcher Art vorfinanziert, bezuschusst, gesponsert. Das ist beim FME ein vorstellbar komplexes System, angesichts der Dimensionen, in denen es sich bewegte: Weit über 50 Veranstaltungen in vier Monaten, verteilt auf über 30 Kommunen im deutschen und tschechischen Sprachraum, die zuweilen bis 300 Kilometer voneinander entfernt liegen. Gewiss nicht ganz einfach, aber händelbar. Nun wurden im vergangenen Jahr Verbindlichkeiten über etwa 200.000 Euro »gefunden«, die fast ein Jahrzehnt zurückreichen und nicht bedient, aber durchgeschleppt wurden. Das kann vorkommen angesichts der Vielzahl und Diversität der Veranstaltungen, die das FME zum Teil auch außerhalb der eigentlichen Festivalzeit veranstaltete und die nicht immer auch die erforderlichen Einnahmen einspielten, bestätigt Heintze, ohne sich konkret festlegen zu wollen. Wer das FME indes aufmerksam verfolgt hat, wird sich vielleicht an den Sächsisch-Böhmischen Theaterherbst 2008 erinnern, ein ganz offensichtlich geflopptes Seitenprojekt. Von der Zeit her könnte es passen.

Aber was sind schon 200.000 Euro, wenn die zahlreichen Schirmherrschaften des Festivals Mitte Europa bis hinauf zur Bundeskanzlerin Angela Merkel reichen? Müssten sich da nicht schnell ein paar solvente Helfer finden lassen? Viel entscheidender dafür, dass dem Insolvenzantrag entsprochen wurde, den der Verein einreichen musste, ist wohl die Ansage der beiden Freistaaten Sachsen und Bayern gewesen. Die beiden größten Förderer des Festivals hatten ihre Finanzierungszusage für 2016 ausgesetzt und für den Erhalt ganz klar »neue Strukturen« gefordert, so Heintze. Was genau damit gemeint sein soll, können Außenstehende nur vermuten. Den »Personalkreisel« der vergangenen Jahre in der künstlerischen Leitung und damit gesunkenes Vertrauen? Die Organisation des Festivals selbst? Das Konstrukt seiner Finanzierung? Die Gesichter der handelnden Personen? Oder sowohl als auch? Fakt ist jedenfalls, dass unter diesen Umständen jede finanzielle Rettungssituation äußerst schwierig wäre.

Wirklich zu verstehen ist die Entwicklung nur mit Mühe. Die Mitglieder des »Freundeskreis des Festivals Mitte Europa« unter Vorsitz der renommierten deutschen Cellistin Ulrike Hoffmann sind allem Anschein nach die Einzigen, die das Schicksal des von ihnen seit 2007 unterstützten Festivals nicht kampflos akzeptieren wollten und sich in einem leidenschaftlich formulierten Schreiben an die breite Öffentlichkeit wandten: »Wir können nicht hinnehmen, dass das Festival Mitte Europa, welches mit bürgerschaftlichem Engagement und breiter Unterstützung aus Politik, Kultur und Wirtschaft auf die Beine gestellt wurde und fast 25 Jahre Menschen in Tschechien und Deutschland begeistert, Künstler aus aller Welt zusammenbringt und im Kulturdialog von der Politik fortwährend und gern als Leuchtturmprojekt von internationaler Strahlkraft benannt wird, allzu leichtfertig aufgegeben wird.« Einige Zeilen weiter fordern die Unterzeichner ihre Adressaten auf, in der Politik und bei den Medien Alarm zu schlagen, zu intervenieren. Wie es scheint, vergebens. Die Messen sind gelesen, der Trägerverein wird abgewickelt.

Dennoch ist nicht alles verloren. »Es sind zwar alle Mitarbeiter entlassen, aber niemand kann ihnen vorschreiben, was sie in ihrer Freizeit tun«, weist Christian Heintze in die Richtung, aus der der Wind der Hoffnung weht. »Und es gibt durchaus Überlegungen, eben einen neuen Verein zu gründen, das Konzept neu aufzustellen und damit den Gedanken weiterleben zu lassen.« Denn dass die grundlegende Intention der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, des kulturellen Austauschs und der künstlerischen Entdeckungsreisen prinzipiell eine gute und förderfähige sei, daran könne kein Zweifel bestehen. Es braucht eben nur »neue Strukturen«.

Das bedeutet: Innovation. Das Festival Mitte Europa hatte das Wagnis unternommen, inhaltlich hohes Niveau jedermann zugänglich zu machen, erfahrenen Kulturfreunden neue Perspektiven zu vermitteln, vergessene Orte wiederzuentdecken und ganz ungewöhnliche Begegnungen zuzulassen – Sinfoniekonzerte in alten Industriehallen, zum Beispiel. Ein Spagat, der nicht immer klappt, gleichwohl aber stets aufs Neue unternommen werden darf. Vielleicht ist das FME ja letztlich auch nur an seinem eigenen Anspruch gescheitert, ohne es gleich zu merken. Denn der Eklat jetzt, das bestätigt auch der Insolvenzverwalter, hat seine Ursache nicht im akuten Geschehen, sondern ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über viele Jahre hinzieht und die viele Facetten haben muss. Der Festivalgründer, Kammersänger Thomas Thomaschke, war beispielsweise für seinen autoritären Führungsstil bekannt, wodurch vielleicht manche sachliche Kritik nicht zum Tragen kam. Der hoch formulierte Anspruch wiederum verleitete womöglich manchen, sich als Botschafter einspannen zu lassen, ohne näher hinter die Kulissen zu schauen. Die klangvollen Namen, die Prominenz, die schiere Fülle – wer mag da noch unterscheiden, was wirklich substanziell trägt und was nur schmückendes Beiwerk ist? Es geht nicht darum, Schuld zuzuweisen oder Urteile zu fällen. Das Festival Mitte Europa hat über ein Vierteljahrhundert Geschichte geschrieben. Und daraus lassen sich gewiss Lehren ziehen und neue Wege ableiten, die für seinen Fortbestand über die nächsten 25 Jahre taugen. Wie auch immer der dann heißen und konkret aussehen mag.

Und außerdem lebt der Mensch im Hier und Jetzt. Und hier und jetzt ist nun fast schon wirklich Sommer – und das Vierland leidet trotz FME-Aus (oder Pause) keinen Mangel an kulturvollen Festlichkeiten, die einen Besuch wert sind …

TEXT: MARKUS SCHNEIDER & TOMÁŠ KÁBRT
AUS

#0009 / 2016