Hans-Peter Herrmann: Weltkulturerbe Falknerei

Ein »Riesenschritt« für die Falkner im Vierland: Beizjagd seit 2014 in der UNESCO-Liste

Es war der große Wurf für die deutschen Falkner, als ihre Kunst, die Beizjagd, 2014 ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Seit mindestens 3.500 Jahren kennt der Mensch die Geheimnisse um das Abrichten von Greifvögeln zur Jagd auf freilebendes Wild in seinem natürlichen Lebensraum. In Europa hielt die aus Zentralasien und dem arabischen Raum überlieferte Falknerei erst im Mittelalter Einzug, maßgeblich befördert durch »stupor mundi – das Staunen der Welt«, wie Kaiser Friedrich II. (1194–1250) von seinen Anhängern genannt wurde. Noch weit vor des Staufers Lebzeiten zog mit Sebastian Wastl schon der erste Falkner der Region in die waldreichen Berge des heutigen Vierlands, was – so erzählt es die Sage – der Grundstein der böhmischen Stadt Falkenau (Sokolov) war. Ausgerechnet dort hat sich die Beizjagd nicht erhalten können, wohl aber in der Gegend um Eger (Cheb), in Wunsiedel und neuerdings auch in Plauen. Dort hat sich der noch junge Falkner Hans-Peter Herrmann (32) einen Traum seiner Kindheit erfüllt.

Wie fühlt man sich so als Hüter eines kulturellen Welterbes?
Es ist sehr verantwortungsvoll einen Beruf auszuführen, der als immaterielles Weltkulturerbe gilt. Wir versuchen natürlich alles, was das umfasst, zu schützen und weiterzutragen.

Hat sich daraus eine Veränderung in der täglichen Arbeit ergeben?
Es hat sicherlich die Veränderung gebracht, dass die Falknerei in der Bevölkerung nun etwas angesehener ist. So ein Prädikat ist selbstverständlich auch von einer gewissen Werbewirksamkeit. In erster Linie bedeutet es aber einen Riesenschritt für das Falknerwesen an sich und sein Bemühen, das Wissen zu schützen und weiterzugeben, welches über Jahrtausende hinweg aufgebaut wurde.

Der Stauferkaiser Friedrich II. hat mit seinem Traktat »Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen« die einschlägige europäische Fachliteratur begründet. Schon mal reingeschaut?
Natürlich. Das ist die »Falknerbibel« schlechthin und gehört zum Grundrüstzeug eines jeden Falkners.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die sich daraus ziehen lassen?
Friedrich II. hat zum Beispiel sehr stark den Umgang mit den Tieren geprägt, viel über Krankheiten und die optimale Haltung geforscht – und das ist auch heutzutage noch anerkannt. Zum Beispiel wie die Lederbändchen an den Beinen geflochten werden, die ganzen Haltungsbedingungen. Das geht alles auf ihn zurück.

Eine beachtliche wissenschaftliche Leistung für das Mittelalter.
Absolut! Er war seiner Zeit weit voraus, denke ich. Dieses ganze Wissen bildet einfach den Grundstoff der Falknerei. Klar, manche Dinge ändern sich: Statt der Lederbändchen kommen heute eher bestimmte Stoffarten zum Einsatz, die es damals noch nicht gab. Aber diese »Modernisierung«, wenn man so will, betrifft nur solche kleinen Details. In ihren wesentlichen Zügen ist die Falknerei heute die gleiche wie vor tausend Jahren.

Für die Falknerei braucht es zwei wesentliche Charakterstärken: Willenskraft und Fürsorge. Sind denn alle Kollegen so edelmütig?
Ja, mit Sicherheit. Anderenfalls würden sie diesen Beruf – für manche ist es auch eher ein Hobby oder gar eine Berufung – nicht ausüben können beziehungsweise schon bald die Flinte wieder ins Korn schmeißen. Wer diese Eigenschaften nicht mitbringt, kommt nicht weit und hält nicht lange durch. Es braucht sehr, sehr viel Geduld.

Wie lange dauert es denn, einen Greifvogel abzurichten?
Man braucht ungefähr ein halbes Jahr, um das Vertrauen des Tieres zu gewinnen, damit es ruhig auf der Faust sitzt. Das bedeutet, jeden Tag den Vogel stundenlang zu tragen. Dann kann man mit den Flugübungen beginnen, teilweise sogar schon parallel. Nach etwa drei Jahren ist es dann ein perfekter Flieger.

Besonders im Vorfeld der Anerkennung der Beizjagd als immaterielles Weltkulturerbe durch die UNESCO wurden ihre Kritiker nicht müde, die Trommeln gegen die vermeintliche Tierquälerei zu rühren. Warum sollen sie unrecht haben?
Falknerei ist die am stärksten überwachte Tierhaltung überhaupt. Das heißt: Ich muss sieben staatliche Prüfungen ablegen, ich muss mehrere Jahre die Schulbank drücken, ich muss fachlich »on the top« sein; alle Gehege, die Haltungsbedingungen, der Gesundheitszustand der Tiere werden regelmäßig von mehreren Behörden überprüft und abgenommen. Und deshalb kann ich ruhigen Gewissens behaupten, dass die Falknerei immer noch die artgerechteste Tierhaltung überhaupt ist. Natürlich kann ich Greifvögel auch im Zoo bewundern, aber dort verkümmern so einige Eigenschaften der Tiere. Sie lernen dort bspw. nie das richtige Fliegen.

ZUR PERSON:
HANS-PETER HERRMANN

32 Jahre

geboren in Rodewisch, aufgewachsen in Morgenröthe-Rautenkranz als 5. von 12 Geschwistern

ausgebildeter Forstwirt mit Jagdschein

Interesse an Greifvögeln seit der Kindheit mit dem erklärten Ziel, Falkner werden zu wollen

2007 eine Saison in Falknerei Wunsiedel gearbeitet

danach Umzug nach Plauen und Familiengründung

2011 Erwerb der ersten eigenen Vögel

Flugvorführungen seit 2012

seit April 2014 ist die Falknerei Hauptgewerbe

Aber wird das bejagte Wild nicht unnötig gehetzt?
Nein, denn dahinter steht der ureigenste natürliche Beutedrang der Tiere, also ein Jagdvorgang, wie er natürlicher nicht sein kann. Der Steinadler erjagt auch in freier Wildbahn den Hasen, den Fuchs. Und genauso macht er das auch in Zusammenarbeit mit dem Falkner. Ich finde, dass es fairer auf der Jagd kaum zugehen kann, weil der Vogel selbst selektiert. Er sieht und spürt ganz genau, welches Beutetier am kränksten oder schwächsten ist, und nur das sucht er sich dann auch aus, weil es am einfachsten zu schlagen ist. Mit einer Waffe hingegen muss man diese Unterscheidung nicht treffen, weil man nahezu alles erlegen kann. Da ist dann auch schnell die Trophäe wichtiger als der echte waidmännische Nutzen.

Gab oder gibt es hier in der Region Widerstand gegen die Beizjagd?
Ich habe davon noch gar nichts gespürt. Liegt aber vielleicht auch daran, dass wir der Gesellschaft sehr offen gegenüberstehen und versuchen, sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich stelle mich nach jeder Flugvorführung öffentlich den Fragen und somit auch kritischen Stimmen. Da wird die tierschutzrechtliche Konformität zwar ab und an thematisiert – aber wir können alles öffentlich und vor Publikum belegen. Diese Transparenz kann man letztlich nur gewährleisten, wenn die Haltung auch wirklich artgerecht ist. Und wenn mir noch dieser Kommentar zum Thema Tierschutz gestattet sei: Man kann zehn Hunde in seiner Ein-Zimmer-Wohnung halten, man kann sich dort ein Terrarium mit Giftschlangen hineinstellen oder tausende Katzen halten, die Millionen Singvögel jagen – kurz, man kann so viele Tiere halten, ohne dafür jemals eine Genehmigung oder einen Sachkundenachweis erbringen zu müssen, dass ich finde, es liegt eher dort tierschutzrechtlich noch einiges im Argen, womit man sich vielleicht mal befassen sollte.

Was aber ist an Volieren oder Flugdrahtanlagen natürlich und artgerecht?
Ich dachte früher immer, bevor ich mit der Falknerei begann, dass der Vogel, wenn man ihn losmacht, fliegen möchte. Jetzt könnte ich hier alle Vögel abbinden, aber dann setzen die sich nur aufs Dach und hocken da stundenlang herum. Da passiert gar nix. Wildvögel oder Vögel allgemein fliegen zu 80% deshalb, weil sie fliegen müssen. Für sie bedeutet das arbeiten. Das ist das, was ich lernen musste. Wenn man einen Vogel draußen frei fliegen sieht, dann ist er in den meisten Fällen »auf Arbeit« – auf Beute- beziehungsweise Futtersuche.

Werden die Greifvögel in Wahrheit durch den Falkner nicht gegen ihren Willen ihrer natürlichen Lebensweise entwöhnt, sozusagen zwangsweise?
An und für sich nicht. In aller Regel wachsen sie zunächst ganz normal bei den Altvögeln auf, also ihren richtigen Eltern, und werden dann erst an den Menschen gewöhnt. Wir versuchen dabei auch nur das Vertrauen der Tiere zu gewinnen – und nur über positive Impulse. Der Vogel kommt nur zu mir zurück, wenn er mich mag und sich hier zuhause fühlt. Über Strafen wie etwa Hunger oder dergleichen würde mir das nie gelingen. Da fällt er lieber tot vom Ast, als zu jemandem zurückzukommen, den er nicht leiden kann.

Sind dir schon mal Tiere auf Nimmerwiedersehen entflogen?
Alle Vögel, die bisher weggeflogen sind, kamen auch wieder. In zwei Fällen hatten sie den Weg zurück nicht mehr gefunden, die konnten wir durch Bürgerhinweise wieder aufspüren. Ansonsten sind die auch einfach über Nacht draußen und kommen am nächsten Tag wieder rein. Oder sie ernähren sich komplett draußen. Der Mäusebussard zum Beispiel war fünf Tage weg, dann kam er wieder – vollgefressen. Und das funktioniert nur über positive Impulse und eine gute Bindung.

Die Sage von Falkenau (Sokolov)

Im Jahre des Herrn 1095 machte sich ein mutiger Ritter namens Sebastian Wastl aus Eger (Cheb) auf den Weg nach Palästina. Wie viele europäische Vertreter seines Standes folgte er dem Ruf von Papst Urban II., die heiligen Stätten der Christenheit zu befreien. Es war der erste Kreuzzug; Jerusalem fiel und zahlte hohen Blutzoll. Doch war das wirklich Gottes Wille? Ritter Sebastian war nicht der einzige Krieger, den auf seiner Rückreise ernsthafte Zweifel beschlichen. Die erlebten Gräuel erschienen ihm immer absurder, und so wählte er – nicht zuletzt mangels geeigneter psychotherapeutischer Angebote im hochmittelalterlichen Böhmen – den Pfad des bußfertigen Eremiten. Die dichten Wälder und unwegsamen Berge um den Zusammenfluss der Flüsse Ohře (Eger) und Svatava schienen ihm dafür perfekt, boten sie ihm doch zugleich Raum und Ruhe eine unerhörte Kunst auszuüben, die er von den vermeintlichen Feinden in Palästina gelernt hatte: die Beizjagd mit Falken (tschechisch: Sokol). Das blieb freilich nicht unbemerkt, und schnell wurde aus der Einsiedelei ein Ort, der andere Jäger und Ritter wie magisch anzog, die Falknerei der Sarazenen selbst zu erlernen. »Wo man sich trifft, da lass dich nieder«, sagt das Sprichwort – und genau das taten die Menschen denn auch. Bald wuchs ein prächtiges Städtchen heran, das seine Geschichte noch heute im Wappen und Namen trägt: Falkenau – Sokolov. Und der 1717 errichtete Falken- oder Wastl-Brunnen erinnert seither an jenen Ritter und Gründer.

Überwiegt in der Falknerei heute der Attraktionsgedanke, über Flugshows etwa, oder wird die eigentliche Beizjagd immer noch ausgeführt?
Früher war diese Jagdart tatsächlich wichtig, um an Wild zu gelangen, welches sich mit Pfeil und Bogen nicht so ohne Weiteres erjagen ließ. Damals gab es auch weder Metzger noch Lidl oder Aldi um die Ecke. Deshalb wird die Beizjagd heute noch immer ausgeübt, nur nicht mehr in dem Maße wie früher. Wir sind hier eher bestrebt, die genialen Charakter- und Jagdeigenschaften der Vögel in den Vordergrund zu stellen. Es geht nicht darum, Kunststücke zu zeigen, sondern den Leuten die natürliche Jagdweise der Tiere zu präsentieren.

Falkner werden, wie man hört, auch von Kommunen zu Hilfe gerufen, die ein Problem mit Tauben haben?
Auf großen Flughäfen ist sogar fast immer ein Falkner angestellt, um die großen Vogelschwärme in Schach zu halten, damit diese nicht den menschlichen Flugverkehr gefährden – oder umgekehrt. In Städten oder befriedeten Bezirken geht es oft darum, diverser Tauben- oder Kaninchenplagen Herr zu werden. Da ist es durchaus ratsam, einen Falkner zu Hilfe zu rufen. In der Stadt kann man nicht einfach mit der Waffe rumballern.

Sind Falkner Einzelgänger oder reden die miteinander?
Der Austausch untereinander ist sogar sehr stark. Über Zucht und Zukauf, über Tagungen und auf ganz persönlicher Ebene. Das vollzieht sich auch international. Früher hat man sich viel von den Arabern abgeschaut, mittlerweile schauen die sich manches auch bei uns ab. Man schläft nicht, die Entwicklung geht ja weiter. Man lernt neue Kenntnisse über die Tiere, und das ist wichtig, um mit ihnen immer besser umgehen zu können.

Wie viel Platz braucht ein Falkner? Oder anders gefragt: Würde zwischen die Falknereien in Wunsiedel und Plauen noch eine weitere passen?
Vermutlich nicht. Es ist so schon schwierig genug, sich aufrecht zu halten und den ganzen Betrieb zu finanzieren. So viele Zuschauer gibt es dann einfach nicht. Und diese Vorführungen sind die wichtigste Einnahmequelle, wenn man eine Falknerei hauptberuflich betreibt.

Gibt es nicht genügend Anfragen oder Gelegenheiten zur Jagd?
Es kommt darauf an, welche Vögel man hat und ob es für sie ein Wildrevier gibt. Nicht überall gibt es genug Hasen, Füchse oder Stockenten. Und das Revier eines Steinadlers kann einige Quadratkilometer umfassen. Aber wirklich ernähren kann man sich, wirtschaftlich gesehen, über die Jagd alleine ohnehin nicht.

Du bietest auch Waldlehrgänge für Schulklassen an – mit Greifvögeln! Ist das nicht etwas gefährlich?
Nein, überhaupt nicht. Die Tiere, die wir mitnehmen, sind absolut handzahm, an den Menschen gewöhnt und auch von Kindern problemlos auf der Faust zu tragen. Mir geht es wirklich darum, die Natur in den Vordergrund zu stellen, denn sie kann richtig cool und spannend sein. Aber dafür muss man die Kinder, Jugendlichen und auch Erwachsenen auf die Reise mitnehmen.

Was lernen die Vögel von den Menschen?
Der Vogel lernt grundsätzlich, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht. Es dreht sich immer nur darum, Vertrauen aufzubauen. Bei aller Individualität: Wie der Mensch hat auch jeder Vogel seinen eigenen Charakter.

Und was kann der Mensch von den Vögeln lernen?
Um ehrlich zu sein: eine Menge! Die Tiere haben wahnsinnig geniale Eigenschaften – und ich finde es nachgerade maßlos, dass sich der Mensch einfach über alles hinwegsetzt und meint, er wäre etwas ganz Besonderes. Aber je tiefer man in die Natur hineinschaut, umso kleiner wird der Mensch.

Vielen Dank für das Gespräch!

INTERVIEW: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: FALKNEREI HERRMANN, ELLEN LIEBNER