Haus Schulenburg, Gera: Das Erbe von Henry van de Velde

Das wahrscheinlich größte Glück der Neuzeit bestand für die Stadt Gera darin, kein Glück gehabt zu haben – mit ihrer Annonce in der FAZ, die 1996 einen »weißen Ritter« anlocken sollte, einen finanzkräftigen Investor aus dem Westen. Es galt, Haus Schulenburg zu erhalten, jenes Anwesen aus der goldenen Zeit der Textilindustrie, dem die DDR so übel mitgespielt hatte und dessen kunsthistorische Bedeutung damals nur wenige Menschen erahnen konnten. Dabei stand sein Retter schon längst auf der Schwelle. Nur dass er eben aus dem Osten kam.

»Ich bin in Gera aufgewachsen«, erzählt Dr. Volker Kielstein beim Rundgang durch das Objekt. »Da habe ich oft durch die kunstvollen Eisenornamente in der Einfriedung oder über die Mauer geschaut und zum Beispiel diese blauen Blumenkästen hier immer bewundert – wahrscheinlich auch von van de Velde.« Dass es sich bei Haus Schulenburg um etwas Bedeutsames handeln musste, war ihm schon seit der Kindheit klar. Respektvolle Äußerungen des Vaters, die van de Velde-Monographie von Karl Ernst Osthaus in der elterlichen Bibliothek. Doch 1969 entschied sich der im vogtländischen Eichigt geborene und nunmehr frischgebackene Mediziner für Magdeburg, eröffnete dort unter großen Schwierigkeiten eine Tagesklink für Suchtkranke. Kielstein entwickelte ambulant-tagesklinische Therapiemodelle, publizierte international und begründete damit zugleich diesen Zweig im Gesundheitswesen.

In Haus Schulenburg war indes eine Fachschule für Medizin gezogen. Kein Segen für das Anwesen: Möbel und Einrichtungsgegenstände verschwanden, die Innenarchitektur litt massiv, auf das sorgfältig angelegte Gelände mit seiner berühmten Brunnenkaskade wurde ein Klotz von Schwesternwohnheim gestellt, 60 Meter lang, 3 Stockwerke hoch. »Reißen Sie sowas mal mit privaten Mitteln ab«, kommentiert der Arzt knapp. Zahlen nennt er keine. Lieber spricht er über noch so kleine Details der Gebäudegestaltung, lässt die Akribie seiner Recherchen durchschimmern, legt kunsthistorische Querverbindungen offen, lobt das handwerkliche Geschick bei den einzelnen Restaurierungen, teilt seine Freude über glückliche Fügungen in der detektivischen Fahndung nach verloren geglaubtem Interieur. Geballtes Wissen aus knapp 20 Jahren, straff verpackt in eine reichliche Stunde, die sich der Hausherr eilenden Schritts für die Privatführung nimmt.

ZUR PERSON:
HENRY VAN DE VELDE

1863 in Antwerpen (Belgien) geboren

begann als neoimpressionistischer Maler, gehörte zu den ersten Bewunderern van Goghs

gilt als »Vater des modernen Designs«, angeregt durch die Arts & Crafts Bewegung in England

1893/94 Zuwendung zur Architektur und angewandten Kunst

1902 Umzug nach Weimar, Leiter der Kunstgewerbeschule (Keimzelle des Bauhauses)

1907 Mitbegründer des Deutschen Werkbunds

äußerst vielseitiges Wirken, entwarf zahlreiche Bauten und unzähliges Interieur

1925 Professur an der Universität Gent

1957 in Zürich gestorben, in Tervuren (Belgien) beigesetzt

Eigentlich wollte er in Haus Schulenburg, das nach fast sieben Jahren Leerstand und schleichendem Verfall 1996 endlich in seinen Besitz überging, eine Zweigstelle seiner Suchtklinik einrichten. Der Plan scheiterte am »Widerstand auf gesundheitspolitischer Ebene«, so formuliert er es diplomatisch. »Also haben wir eine Ausstellung gemacht.« Mit seiner Frau Rita, Professorin für Innere Medizin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, nahm Volker Kielstein 1997 ein Kulturprojekt in Angriff, das seinesgleichen sucht: Die originalgetreue Restaurierung des Haus Schulenburg und die Einrichtung eines Henry-van-de-Velde-Museums ebendort. Seinen finanziellen Einsatz wird die Öffentlichkeit wohl nie erfahren. »Man könnte ein Rendite-Objekt draus machen«, stellt er die rein rhetorische Überlegung an. »Aber dann wäre alles hinüber. Unser Ziel ist, den wirtschaftlichen Ausgleich zu schaffen. Und dafür muss das Gebäude internationale Bedeutung erlangen.«

ZUR PERSON:
PAUL SCHULENBURG

1871 in St. Louis (USA) geboren

1879 Umzug nach Deutschland

1895 Prokurist in der Ostthüringischen Textilindustrie

1897 Gründung einer Woll- und Seidenweberei in Gera, zusammen mit Alexander Bessler

1906 erster Kontakt zu van de Velde durch Erwerb eines Speisezimmers in Dresden

1913/14 Errichtung des Anwesens nach Plänen van de Veldes

1922/28 Um- und Ausbau der Fabrik; Blütezeit der Firma und umfangreiches soziales Engagement

1937 in Gera gestorben (letzter öffentlicher Trauerzug durch die Stadt)

Im Prinzip hat es die schon. Nicht zuletzt der Kielsteinschen Bemühungen wegen erfährt Henry van de Velde post mortem immer stärker die Beachtung, die ihm zu Lebzeiten in vielerlei Hinsicht versagt blieb. In Haus Schulenburg ist eine weltweit bedeutende Sammlung seiner Buchgestaltungen entstanden, Museen fragen nach bestimmten Exponaten, internationale Kunstexperten nehmen Kontakt auf. 2012 erhielten die Retter von Haus Schulenburg den Thüringer Denkmalschutzpreis. Das Van-de-Velde-Jahr 2013, anlässlich des 150. Geburtstages des vielseitigen und schaffenskräftigen Künstlers, war touristisch ein voller Erfolg. Im Garten erklärt Volker Kielstein – »wir waren 2007 auch BuGa-Begleitobjekt« – die starken japanischen Einflüsse, die Geometrie, die Dominanz der klaren Linien. »Und hier dieser Pergolagang führt zu einem ehemaligen Teehäuschen, da war zu DDR-Zeiten eine Trafostation eingebaut. Die originale Tür befindet sich dafür in einer Garage in Scheubengrobsdorf – aber wir kriegen sie wieder.« Nur noch einige wenige solcher Kleinigkeiten, dann ist das Gesamtkunstwerk tatsächlich fertig. Ein Lebenswerk? »Aber nein«, wiegelt Kielstein ab, präsentiert die hochwertigen Broschuren »100 Jahre Haus Schulenburg« und »Lebensläufe der Henry van de Velde Möbel aus dem Haus Schulenburg« mit ausführlichen fotodokumentarischen Erläuterungen, die ersten beiden Ausgaben der Schriftenreihe des Museums, und lenkt das Gespräch auf die inhaltlichen Besonderheiten der nächsten Ausstellung. Dann verabschiedet er sich, sein Bruder erwartet ihn zum Geburtstagskaffee. Man möchte ihm wünschen, er könnte dafür in Schulenburgs geliebten Maybach steigen.

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: MARKUS SCHNEIDER, HAUS SCHULENBURG