Erika-Fuchs-Haus, Schwarzenbach: Im Universum von Entenhausen

Schwarzenbach an der Saale, ein kleines beschauliches Städtchen in Oberfranken, ist kürzlich auf dem Radar der Kultur- und Medienwelt aufgetaucht. Sogar der SPIEGEL hat berichtet, das macht stolz: Am 1. August 2015 wurde dort mit dem Erika-Fuchs-Haus ein Museum für Comic und Sprachkunst eröffnet, das in jeder Hinsicht zum Aushängeschild gereicht. Rund 1.600 Besucher gleich am ersten Tag, das ist weit mehr, als Museumsleiterin Dr. Alexandra Hentschel zu hoffen gewagt hatte. Eine knappe Woche später steht sie noch immer etwas fassungslos vor den auffallend ausgedünnten Regalen und Auslagen mit Devotionalien, Literatur und Merchandise: »Hier war alles voll.« Die gleiche Aussage dürfte auch auf die 7.000-Seelen-Gemeinde zutreffen.

Dort war selbst manchen Einwohnern bis dato nicht bewusst, wie berühmt ihr Heimatstädtchen eigentlich ist. Dr. Erika Fuchs (1906–2005), promovierte Kunsthistorikerin aus Rostock, lebte hier von 1933 bis 1984, zunächst als freie Übersetzerin. 1951 aber übernahm sie eine Aufgabe, die damals alles andere als aussichtsreich oder gar sexy galt: Chefredakteurin und Übersetzerin des neu gegründeten Micky-Maus-Magazins im Verlag Ehapa. Comics hatten in jenen Jahren hierzulande kein gutes Image. Dass sich das im Laufe der Zeit nicht nur besserte, sondern in wahre Höhenflüge umkehrte, daran hält Fuchs einen gewichtigen, wenn man so will: entscheidenden Anteil. Sie war es, die aus den amerikanischen Bildergeschichten um Donald Duck & Co. mehr machte, die sie sehr frei übertrug, mit klassischen Zitaten würzte und einem Stilmittel versah, dem Inflektiv, der ihr zu Ehren auch gern Erikativ genannt wird: Grübel, grübel und studier, seufz, kreisch! Durch ihre Arbeit erst wurden die typischen Lautmalereien (Bazing! Kawumm! Kloing!) populär – und die Region um Schwarzenbach berühmt: Viele Orte, Berge und Seen, sogar Geschäfte, Handwerker und Ärzte in Donalds fiktivem Entenhausen tragen die realen Namen der Umgebung.

Für die bekennenden Fans der drolligen Ducks aus der Feder Carls Barks’, die sich selbst Donaldisten nennen, ist das freilich Basiswissen. 2006 – zum 100. Geburtstag von Erika Fuchs – war es somit unumgänglich, ihren jährlichen Kongress in Schwarzenbach stattfinden zu lassen. Gerhard Severin, dazumal Richter in Ingolstadt, ist einer von ihnen. Der Inhaber einer beachtlichen Sammlung kommt auf dem Kongress mit dem Bürgermeister ins Gespräch. Und so entspinnt sich die Geschichte, in deren Verlauf Dominik Burkhard aus Karlsruhe einen Architekturwettbewerb gewinnt, eine Baulücke an der Schwarzenbacher Bahnhofstraße für 5 Millionen Euro geschlossen und am 1. August 2015 fast ein Museums-Shop leergekauft wird.

Noch bevor der eigentliche Rundgang beginnt, zeigt das zu 85% geförderte städtische Museum eine wechselnde Auswahl an Figuren aus dem Entenhausener Universum. »Sie stammen alle aus der Severinschen Sammlung und sind streng genommen keine Exponate, die ins Museum gehören«, erläutert Hentschel. »Wir haben uns aber trotzdem dazu entschlossen, wegen der besonderen Beziehung – die weitläufige und der Stadt vermachte Sammlung bildet immerhin den Grundstock unseres Fundus’.« Dann aber öffnet sich die Tür – zum Mini-Kino. Eine kurzweilige Einführung in die Welt und Geschichte der Comics, sie dauert nur wenige Minuten und hilft doch recht anschaulich, das nun Folgende in seinen kulturellen Kontext einzuordnen.

Dr. Erika Fuchs (1906 – 2005)

»Donald Duck. Er ist ein negativer Held, der viel anfängt, dem aber nichts gelingt, weil er einfach zu phantasievoll ist und nach anfänglichem Erfolg scheitert.«

(Auf die Frage nach ihrem Lieblings-Disney-Charakter)

Gleich zu Beginn finden sich die Besucher in lebensgroßen Kulissen wieder. Kein Disneyland, aber Entenhausen in 2D: die Häuser von Donald, Tick, Trick und Track, Daniel Düsentrieb und natürlich Dagoberts Geldspeicher mit echtem Talerbad. Anhand zahlreicher kurzer Steckbriefe und Infotextchen, untermalt von typischen Geräuschen, wird die Welt der Ducks lebendig. Immer wieder hört man Leute auflachen und die pointierten Erinnerungen bestätigen. Dazwischen kleine Guckfenster in andere Comic-Welten, es gibt viel zu entdecken hier. Einen Raum weiter hat sich der preisgekrönte Zeichner Simon Schwartz der Biografie von Erika Fuchs angenommen: Er reflektiert das bewegte Leben anhand wesentlicher Ereignisse in raumhohen Comic-Strips. Eine gute Einstimmung auf die nächste Station, die sich mit der Sprachkunst beschäftigt. Hier sind originale Objekte ausgestellt, die Schreibmaschine, Manuskripte, die grüne Kladde. Und jede Menge Interaktion: Die Besucher amüsieren sich beim mimischen Spiel zu vorgegebenen Zitaten, sie versuchen selbst am Mikrofon typische Soundwords einzusprechen, verrückte Wortkombinationen oder klassische »Erikative« zu bilden und mit Magnetblättchen Donalds Mienenspiel zu erforschen. Im Anschluss daran die Hommage: Verschiedene renommierte Künstler haben je ein Comic-Zitat aus den Werken von Erika Fuchs in Beziehung zu ihr selbst als Comic interpretiert. Auf diesem Weg gelangt man in den letzten Raum, die Bibliothek, die ausdrücklich zum Schmökern, Studieren und Verweilen lädt.

Das Erika-Fuchs-Haus ist nicht nur Deutschlands erstes Comic-Museum, es stellt einige ganz wesentliche Aspekte heraus. Dass sich Comics vom einstigen Schmuddel-Image zu einer eigenständigen, lebendigen Kunstform entwickeln konnten. Dass die deutsche Sprache von Fuchs’ Wortschöpfungen, Sprachspielereien und dem Einstreuen klassischer Zitate ganz nachhaltig geprägt wurde – allen Unkenrufen zum Trotze. Dass die Ducks und Entenhausen mehr sind als nur ein paar triviale Geschichtchen aus bunten Bildern. Ein eigenes Kulturgut, gewissermaßen. Dr. Alexandra Hentschel, die vor dem Ruf nach Schwarzenbach-Entenhausen unter anderem Lehraufträge über Museumsmanagement an der Universität ihrer Heimatstadt Hamburg wahrnahm, ist selbst noch dabei, dieses weite Spektrum zu entdecken und auszuloten. »In meiner Kindheit und Jugend waren es eher Tim & Struppi, Asterix und die Zeitschrift MAD, die meine Verbindung in die Comic-Welt ausmachten.« Zusammen mit Studenten wird noch immer die Severin-Sammlung inventarisiert, währenddessen sich der Stifter im 250 Mitglieder starken Förderkreis »Klub der M.I.L.L.I.A.R.D.Ä.R.E« engagiert. Auch der ist dem wahren Entenhausen entlehnt. Die Abkürzung meint: Menschen in lauterer lebenserfahrener interaktiver angenehmer Runde, donaldische Ästhetik rigoros einfordernd.

Träger des Museums ist die Stadt Schwarzenbach a.d.Saale. Die Investitionskosten von rund 5 Mio. für das neue Museum konnten zu rund 85 Prozent über Fördermittel gedeckt werden. Zu den Fördergeben zählen das Bund-Länder-Städtebauförderungsprogramm Stadtumbau West, die Oberfrankenstiftung, das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER), die Bayerische Landesstiftung, der Kulturfonds Bayern, die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern sowie die Sparkassenstiftung. Zur weiteren Unterstützung des Museums wurde die Dr.-Erika-Fuchs-Stiftung gegründet. Der Förderkreis »Klub der M.I.L.L.I.A.R.D.Ä.R.E« (Menschen in lauterer lebenserfahrener interaktiver angenehmer Runde, donaldische Ästhetik rigoros einfordernd) zählt mittlerweile 250 Mitglieder.

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: EPHA/DISNEY, MARKUS SCHNEIDER
ZEICHNUNG: SIMON SCHWARTZ