Brauerei Kynšperk (Königsberg): Im Zeichen des Hasen

Die Geschichte des böhmischen Städtchens Kynšperk nad Ohří (Königsberg an der Eger) reicht bis in die Zeit von Friedrich Barbarossa zurück und hat seit ihrer Gründung gegen Ende des 12. Jahrhunderts einige Besonderheiten zu bieten: Hier wurde 1232 das erste überlieferte Stadtprivileg in Böhmen erteilt, hier wurde 1871 der Erfinder des Offsetdrucks Cašpar Hermann geboren und hier wird seit 2013 ein Bier gebraut, das ein eher untypisches Tier im Logo führt: einen Hasen.

Die Geschichte der Königsberger Biere muss man aber eigentlich anders erzählen. Als weitestgehend verbriefter Anfang der Brautradition gilt das Jahr 1595, kurz (16 Jahre) nachdem Kaiser Rudolf II. die Stadt dazu berechtigt hatte. Und für ihr trauriges Ende steht die Jahreszahl 1951, der Zeitpunkt der Liquidation. 60 Jahre lang schien das Schicksal besiegelt. Und hätten die kommunistischen Verwalter damals genug Geld gehabt, wären die Gebäude wohl tatsächlich zu Staub der Geschichte geschleift worden. So aber blieb die alte Brauerei stehen, musste stattdessen als Lager für Hotels, Gastronomie und Handel herhalten. Und deshalb kann ihre Geschichte nun wieder fortgeschrieben werden.

Das ungewöhnliche Logo-Tier kommt nicht von ungefähr. Es verweist auf die Barone von Hasenfels, die das Familienunternehmen 1840 erwarben und über ein ganzes Jahrhundert hinweg zu seiner größten Blüte führten. Auch dahinter verbirgt sich wieder eine spannende Geschichte mit manch pikantem Detail, die jedenfalls gut für eine neue Marke handwerklich gebrauter Biere taugte. Denn genau das war der Plan jener zwei russischen Investoren Sergej Chernichkin und Denis Sabitov, die 2011 das heruntergekommene Gelände erwarben und dort seither zusammen mit Brauereidirektor Radek Vomočil dem kleinen Königsberg wieder ein Stück weit auf die Sprünge helfen. »100 Lkws Müll haben wir hier rausfahren müssen, ein Jahr lang nur saubergemacht«, erzählt der 37-jährige Manager aus Cheb, der früher mal aktiv in Deutschland Fußball gespielt und damals schon in einer Brauerei gejobbt hatte.

Eine zweistellige Millionensumme Kronen ist bisher in die Reaktivierung des Geländes geflossen, das sich bereit für Größeres zu machen scheint. Nach dem Krieg noch war die Brauerei derer von Hasenfels der größte Arbeitgeber in der Region, über 250 Menschen standen in Lohn und Brot. »Jetzt habe ich hier alles in allem etwas über 10% davon«, sagt Vomočil und schmunzelt fröhlich. Es hat ja alles erst angefangen.

Sechs Sorten Bier und einige Limonaden machen das derzeitige Portfolio aus. Die Hälfte der Biersorten geht auf alte Rezepturen zurück, die den Neustartern aus dem Hasenfeldschen Familienbesitz vermacht wurden. Darunter ein halbdunkles und ein dunkles Lager, ein Helles »für ordentliche Männer« (es heißt tatsächlich so) mit 14% Stammwürze und ein sanfteres Bier »für schöne Frauen«. Seltsame Namen, aber die passen zum Logo mit dem Bierglas haltenden Hasen. Radek Vomočil relativiert die historische Authentizität: »Wir haben zwar die Rezepturen, aber uns fehlen die historischen Lebensmittel. Manches gibt es heute einfach nicht mehr. Und der Geschmack der Leute hat sich auch gewandelt.« Die »alten« Sorten lassen sich eher als Interpretationen verstehen, die dem Original sehr nahekommen. »Früher fand die Gärung in einer Holzwanne statt, das Bier wurde in Holzfässern gelagert, diese Fässer wurden innenseitig noch ausgebrannt – und das war letztlich alles Bier enthalten, das noch dazu mit viel weniger Kohlensäure versetzt war. Ist heute mit Stahltanks schlicht unmöglich.«

Für die Besucher macht es Vomočil dann aber doch möglich, so weit es eben geht: »Wenn wir Führungen durch die Brauerei haben, bereite ich extra einige Holzfässer vor, aus denen dann unser Grünes Lager gezapft wird.« Die charakteristische und namensgebende Farbe hat es vom frischen Hopfen, einer sehr aromatischen und in Tschechien wohlbekannten Sorte. »Dann müssen die Leute schnell alles austrinken«, sagt der junge Direktor und lacht. Das Biere in Königsberg wird handwerklich gebraut, naturtrüb, ohne Filtration. Drei Wochen ruht es im Fass, danach ist es noch etwa zwei Wochen haltbar.

Wir marschieren durch den alten Eiskeller in Bierflaschenoptik und steuern auf einen schmalen Durchgang in den unwahrscheinlich dicken Wänden. »Hier haben wir noch die letzten Betontanks von 1930, die waren damals eine Modernisierung.« Vomočil hat begehbare Durchbrüche geschaffen; kaum zu glauben, dass in den dunklen Höhlenlöchern einfach so das Bier herumschwappte. An einer Wand hängt ein Bild von einem der Hasenfeld-Söhne, der ein ausgesprochener Casanova gewesen sein muss: 7.000 Frauen habe er in seinem Leben gehabt. Unvorstellbar hohe Ausgaben nur für Alimente. Nicht gerade ein Leuchtturm unternehmerischen Fleißes, aber mit Schlag bei den Damen und Leidenschaft für Bier gesegnet. Ihm in Gedenken wurde die Biersorte »Schwarze Liebe« aufgelegt. Daneben steht die Valentinstag-Kreation, versetzt mit dem Saft der Roten Rübe, ein anderes Bier enthält Brennessel-Saft. Zu kaufen gibt es die Königsberger Biere allerdings nur im eigenen Laden, der mit einiger Stringenz überrascht: Bierkosmetik, Biersalz, Biershampoo, Porzellankrüge, Bierschnaps, noch einige passende lokale Produkte und »Hase im Sack«, ein hübsches Arrangement. In einem landesweiten Wettbewerb ist der kleine Shop als beste Verkaufsstelle für Bier und Souvenirs ausgezeichnet worden.

Ansonsten wird das Hasen-Bier nur noch in 30 ausgewählten, nicht allzuweit entfernten Restaurants und Gasthäusern ausgeschenkt. Ein Restaurant betreibt die Brauerei selbst – und hat auch bei der Ausstattung jenes alten Kellers unter der früheren Mälzerei Geschmack bewiesen. Geräumig, doch in den Sitzgruppen angenehm intim, thematisch stimmig, aber nicht überladen. Junges Personal, moderne Küche, ganz die böhmische Gastlichkeit. Obendrüber in der alten Mälzerei ist ein Veranstaltungssaal mit Nebengelass entstanden, der gut 250 Personen fasst und halb Königsberg samt Bürgermeister in einen kleinen Freudentaumel versetzt hat. Mangels Lokal hatte es in der Stadt schon lange keinen Tanzball mehr gegeben. Auch das ist jetzt geklärt.

So schickt sich die Brauerei an, wieder eine Institution zu werden. Direkt vor dem Gebäudekomplex fließt die Eger, auf der jeden Sommer die Kanuten unterwegs sind und an deren Ufer die Radfahrer beliebte Touren unternehmen. Natürlich sind die Pausen im Sommergarten der Brauerei und auf der Wiese davor längst ausgemachte Sache. »Das ist schon sehr beliebt«, sagt Radek Vomočil. »Die Leute kommen mit Kindern, sitzen am Feuer, schlafen im Zelt.« Noch etwa zwei Jahre, dann darf die Übernachtung auch etwas bequemer ausfallen. Die großen Fabrikgebäude sind der nächste Schritt im Hasen-Konzept: Hotel, Bierbad und Sauna sollen das Rundum-sorglos-Angebot komplettieren.

TEXT & FOTOS: MARKUS SCHNEIDER