Jörg Schneider: »Ich habe Angst um Deutschland, mehr noch als damals«

»Ich bin kein Rädelsführer«, sagt Jörg Schneider. Tatsächlich möchte man dem<br /> schlanken, fast schmächtig wirkenden Mann jegliches Widerstandsbewusstsein absprechen, auf den ersten Blick. Ein ruhiger, unauffälliger Zeitgenosse, der sich selbst zumindest als zurückhaltenden Typen beschreibt. Doch stille Wasser sind tief – und nirgendwo steht festgeschrieben, wie ein Revolutionär, ein Widerspenstiger, ein Verweigerer, ein Antagonist des Systems oder Protagonist des Umsturzes auszusehen hat. Und Fakt ist, dass dieser Jörg Schneider eine ganz entscheidende, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle während der Ereignisse im Oktober 1989 gespielt hat, die schließlich zur Deutschen Wiedervereinigung führen sollten.

Es war die Nacht des 3. Oktober 1989, als Jörg Schneider gemeinsam mit drei Arbeitskollegen Flugblätter in ganz Plauen verteilte. »Da ist mir das erste Mal richtig mulmig geworden«, erinnert er sich. Auf den Zetteln fanden sich demokratische Grundforderungen und ein Aufruf zur Demonstration am 7. Oktober – dem 40. Jahrestag der DDR. Er selbst hatte zuvor die mittlerweile historischen Zeilen verfasst, ungefähr 200 Mal in die Tasten seiner Robotron-Schreibmaschine gehämmert, allein in seinem Wohnzimmer. Niemand wusste davon. Das Datum war bewusst gewählt: »Das Regime sollte sich nicht wieder selbst feiern.« Zudem war für die Staatssicherheit so nur schwer zu erkennen, wer zur Demonstration und wer zu den Feierlichkeiten wollte. »Unsere Rechnung ging auf und die Massen kamen«, schwärmt Schneider. Ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen, doch das erlebte Geschehen von einst schlägt ihn noch heute in seinen Bann. Laut Schätzungen folgten damals zwischen 10.000 und 20.000 Menschen dem Aufruf. Seinem Aufruf. Ein kleines Kind habe angefangen »Gorbi!« zu rufen und bald schon stimmten die Erwachsenen ein. »Es war unbeschreiblich. Endlich konnte man seine Gefühle zum Ausdruck bringen und seine Meinung herausrufen«, so der damals 22-Jährige. Später ging die Demonstration als jene in die Geschichtsbücher ein, bei der es den Sicherheitskräften erstmals nicht gelang, die protestierende Menge gewaltsam aufzulösen. An die Wiedervereinigung habe man damals übrigens noch gar nicht gleich gedacht. »Am Anfang, da war nur der Wille zur Veränderung und der Widerstand gegen das Regime.

ZUR PERSON:
JÖRG SCHNEIDER

1967 in Plauen geboren

1984/85 Lehre zum Werkzeugmacher

1986/87 Grundwehrdienst bei der NVA

verfasste und verteilte am 03.10.1989 den legendären Aufruf »Kommt zur Demonstration am 7. Oktober!«

organisierte am 06.12.1989 in seinem Betrieb den vermutlich einzigen Warnstreik dieser Art in der DDR

1989 kurzzeitig Mitglied des Neuen Forums

1990 bis 2004 Mitglied der SPD

2005 Gründung des Vogtländischen Bergsteigerverlags

2010 Mitgründung der Bürgerplattform für demokratische Erneuerung

2010 Verleihung der Stadtplakette der Stadt Plauen

Das Neue Forum ist im Oktober 1989 die erste Bewegung dieser Art, Schwanitz tritt ein und jener Arbeitsgruppe bei, die sich um die Aufklärung von Korruption und Amtsmissbrauch in Plauen bemüht. Eine Kommission, die eher abseits der Schlagzeilen konspirative Wohnungen der Stasi aufdeckt, sich mit der Entlassung von Lehrern aus politischen Motiven befasst und bis hin zur Klärung von Grundstücksfragen regelrechte Detektivarbeit leistet, die von den Betroffenen zwar angefordert, in der Öffentlichkeit aber wenig beachtet wird. Arbeit im Stillen, zwischen staubigen Akten und Mauern des Schweigens. Aber: »Zum ersten Mal fanden Menschen Gehör, die sich zuvor nicht getraut hatten, über ihren Fall zu reden – und wir sind jedem Fall nachgegangen. Das war für mich eine ganz neue, wichtige Erfahrung und vor allem auch ein Hoffnungssignal für alle Betroffenen.«

Dieser Widerstand war lange gewachsen. 1984 begann Jörg Schneider eine Lehre zum Werkzeugmacher in einem Plauener Betrieb. Sein engster Kollegenkreis bestand aus zahlreichen kritisch denkenden Menschen. Diskussionen, frei und hart, begleiteten den Arbeitsalltag. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war damals extrem gefährlich, denn prinzipiell konnte jeder ein Spitzel der Stasi sein. Später erfuhren er und seine damaligen Kollegen, dass tatsächlich ein IM der Stasi im Betrieb gearbeitet hatte. Verraten hat dieser sie aber nie. Warum, wissen sie nicht, sagt Jörg Schneider und zuckt leicht mit den Schultern. Ab 1986 musste Schneider seinen Grundwehrdienst bei den Grenzgruppen im Harz absolvieren. »Die Einheiten haben gegen das eigene Volk agiert und der faschistische Ungeist war hautnah zu spüren«, erinnert sich der heute 48-Jährige an diese einschneidende Zeit. Zurück in Plauen spitzte sich die politische Lage in der DDR immer weiter zu. Ausreisewellen erschütterten das Land und der Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen 1989 heizte die Stimmung zusätzlich an. Man hörte vom Studentenaufstand in China, der brutal niedergeschlagen wurde. »Die Berichterstattung über die Geschehnisse wurde von den Medien der DDR völlig verdreht dargestellt. Die Regierung formulierte sogar eine Warnung ans eigene Volk«, erinnert sich Schneider »Sollten wir uns gegen das Regime erheben, so drohe uns das gleiche Schicksal.« Im Vogtland aber war man in der glücklichen Lage, zum Teil Westradio empfangen und damit schnell die Propaganda entlarven zu können. Während sich in dieser Zeit viele dafür entschieden, das Land zu verlassen, wollte Schneider in der Heimat bleiben und aktiv etwas verändern.

Rückblickend beurteilt er das damalige Geschehen als notwendig, nur so hätten sich die Menschen die Demokratie erkämpfen können. Die anfängliche Einheit in der Bevölkerung spaltete sich derweil bei der ersten Volkskammerwahl schnell wieder in die verschiedenen politischen Richtungen auf. »Ich fand das schade«, fügt Schneider an und erläutert, dass »das Volk« in der DDR 90% der Bevölkerung umfasste. Der Rest gehörte dem Machtapparat der allgegenwärtigen SED an. Wer dem Regime nicht zugewandt war, der war – egal ob reich oder arm – von den Restriktionen und der stark eingeschränkten Meinungsfreiheit betroffen. »Daraus erwuchs eine große Einigkeit.« Heute sei der Begriff des Volkes so nicht mehr gültig. Interessengruppen teilen Deutschland und die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich spaltet das Volk. »Manche Organisationen benutzen das Wort, sie vertreten es aber nicht«, sagt er in Anspielung auf eine Dresdner Demonstrationsbewegung. Auch in Plauen wird in diesen Tagen wieder demonstriert. Jörg Schneider selbst nimmt an den sonntäglichen Versammlungen in der Plauener Innenstadt teil und ist der Überzeugung, dass viele der Teilnehmenden an einer Demokratisierung interessiert sind. Nach seinen Worten haben jedoch auch viele Menschen Angst, sich zu beteiligen. »Heute wird man schnell in die rechte Ecke gestellt«, sagt er und schmunzelt: »Früher war es eher die linke Ecke.« Dann kritisiert er das aktuelle Parteiensystem, wie es über die Köpfe der Menschen hinweg regiere und es einzig um Machterwerb und Machterhalt ginge, prangert die extreme Beeinflussung durch die Finanz- und Wirtschaftswelt an. »Wir schlittern immer tiefer in eine Diktatur des Kapitals«, sagt er und man spürt, dass ihn diese Themen tief bewegen. Lange Zeit sei das Volk politisch desinteressiert gewesen und habe diese Entwicklung geschehen lassen. »Jetzt ist ein Aufwachen bei den Menschen zu verspüren.« Ob es noch rechtzeitig komme, würden die nächsten Monate und Jahre zeigen. »Ich habe Angst um Deutschland, mehr noch als damals.«

Nach der Wende heuerte Jörg Schneider als Mitarbeiter bei einer Vermessungsfirma an, dort ist er noch heute tätig. Er ist gern draußen unterwegs, in der Region. Erst recht und vor allem in seiner knappen Freizeit, die er am liebsten auf Schusters Rappen verbringt, die Heimat durchstreifend auf der Suche nach perfekten Motiven und interessanten Fakten. Recherche für den Vogtländischen Bergsteigerverlag, sein kleines Nebengewerbe. Der Name verweist auf ein früheres Hobby, für das ihm aktuell wenig Zeit bleibt. Hauptprodukt des Schneiderschen Eigenverlags ist der Vogtlandkalender, der heuer bereits in seiner neunten Auflage erschienen ist und sowohl Einheimische als auch Urlauber und Touristen begeistert. In dem Kalender äußert sich die tiefe Verbundenheit Jörg Schneiders zur Region. »Ich möchte dem Vogtland etwas zurückgeben«, sagt er.

Nach der Wende heuerte Jörg Schneider als Mitarbeiter bei einer Vermessungsfirma an, dort ist er noch heute tätig. Er ist gern draußen unterwegs, in der Region. Erst recht und vor allem in seiner knappen Freizeit, die er am liebsten auf Schusters Rappen verbringt, die Heimat durchstreifend auf der Suche nach perfekten Motiven und interessanten Fakten. Recherche für den Vogtländischen Bergsteigerverlag, sein kleines Nebengewerbe. Der Name verweist auf ein früheres Hobby, für das ihm aktuell wenig Zeit bleibt. Hauptprodukt des Schneiderschen Eigenverlags ist der Vogtlandkalender, der heuer bereits in seiner neunten Auflage erschienen ist und sowohl Einheimische als auch Urlauber und Touristen begeistert. In dem Kalender äußert sich die tiefe Verbundenheit Jörg Schneiders zur Region. »Ich möchte dem Vogtland etwas zurückgeben«, sagt er.

TEXT: CHRISTIANE FISCHER
FOTOS: MARKUS SCHNEIDER