Stift Tepl (Klášter Teplá): Kleine Schritte, lange Wege

Klášter Teplá

Kontemplation bedarf keiner Wegweiser, zumindest nicht der ganz profanen irdischen. Wer sich also gen Stift Tepl aufmacht, sollte vorher auf die Karte schauen oder einen Navigator an Bord haben. Schilder, die in den kleinen böhmischen Dörfern des Karlsbader Kreises auf den richtigen Abzweig oder wenigstens die ungefähre Richtung weisen, in der jenes bedeutsame Kloster liegt, das seit Juli 2008 zu den Nationalen Kulturdenkmälern des Landes zählt, suchen Besucher jedenfalls vergebens. Und das, obwohl der museale Tourismus ein wirtschaftliches Standbein dieser Abtei des Ordens der Prämonstratenser in Tschechien ist.

Doch um die Geschicke der knapp 1.500 Hektar großen Anlage zu lenken, bedarf es vieler kleiner Schritte, sagt Abt Filip Zdeněk Lobkowicz. Er entstammt einer berühmten, weitverzweigten und noch immer einflussreichen Familie, einem der ältesten Geschlechter des böhmischen Hochadels. 1976 trat Lobkowicz in den Orden der Prämonstratenser ein, die zu kommunistischen Zeiten noch gezwungen waren, im Geheimen zu wirken. Im Oktober 2011 wurde er zum Abt des Stifts Tepl gewählt, das zuvor über 18 Jahre nur von einem Administrator verwaltet wurde.

Als das 1193 gegründete Kloster nach der Samtenen Revolution im Juli 1990 endlich wieder an den Orden zurückgegeben wurde, müssen den Glaubensbrüdern diese kleinen Schritte als schier unendliches Unternehmen erschienen sein. Von 1950 bis 1978 war es von der tschechischen Armee als Kaserne genutzt worden, danach stand es leer und verfiel zusehends. Doch die Mauern von Tepl haben schon viel durchgemacht. Glücklicherweise war die bauliche Grundsubstanz weitgehend erhalten geblieben: Kirche, Konvent, Bibliothek und Prälatur. Umgehend begannen die Chorherren mit der Restaurierung, sammelten Spendengelder und wohnten zunächst noch im Pfarramt von Marienbad; im Herbst 1991 konnte schließlich mit einer kleinen Kommunität wieder Ordensleben im Stift Tepl einziehen.

Die Situation ist generell schwierig, wohin Abt Lobkowicz auch blickt. Einerseits die Erhaltung und weitere Restaurierung des kulturhistorischen Schatzes in seiner Gesamtheit, der zumindest einen der seltenen großen Schritte weitergekommen ist: Von 2008 bis 2015 konnte der marode Barockflügel, der unter anderem die Wohnräume der Ordensbrüder enthält, mustergültig saniert werden. 490 Millionen Kronen habe das gekostet – das entspricht etwa 18 Millionen Euro – etwa 90% der Summe wurden über Fördermittel der Europäischen Union abgedeckt, für gut 10% kam der Staat auf. Ein Projekt solcher Dimensionen wird so schnell nicht wiederkommen, selbst wenn Fördermittel bereitstünden. Dafür reichen schlicht die Eigenmittel nicht aus, bedauert der Abt. Kleine Schritte, anders ist es nicht möglich. Immerhin sind dadurch jetzt auch wieder Räume wie der »Blaue Saal« mit seinem imposanten Deckenfresko aus der Zeit der Aufklärung nutzbar, für Konzerte und Preisverleihungen, zum Beispiel. Die Soldaten hatten ihn zur Turnhalle erkoren und für die Restauratoren auf den Fresken hässliche Prellflecke vom Basketballspiel hinterlassen.

KLOSTERBIBLIOTHEK TEPL

Kurz nach der Gründung des Stifts eingerichtet, befand sich die Bibliothek ohne eigenen Trakt zunächst im Kloster selbst und umfasste Ende des 15. Jahrhunderts bereits rund 700 Bände. Der heutige neobarocke Trakt entstand von 1902 bis 1905. Die größten Verluste erlitt die Sammlung durch gezielten Diebstahl und Vernichtung in den 1950er Jahren. Heute umfasst die öffentlich zugängliche Leihbibliothek 108.000 Bände, 804 Handschriften und 249 Handschriftenfragmente, 537 Inkubeln und 33 Fragmente sowie über 2.400 Drucke des 16. Jahrhunderts. Zu den wertvollsten Exponaten zählt die Handschrift eines bairischen Beichtgebets aus dem 9. Jahrhundert sowie der Codex Teplensis, eine der bedeutendsten mittelhochdeutschen Bibelübersetzungen vor Martin Luther aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts in einer bayerischen Mundart.

KLOSTERKIRCHE MARIÄ VERKÜNDIGUNG

Spätromanische Hallenkirche mit stilistischen Übergängen zur Frühgotik; Lang- und Querschiff in Form des lateinischen Kreuzes. Die Ausstattung ist aus der Zeit des Barock, u.a. ein Kreuzaltar mit Marmor-Arbeiten von Josef Lautermann (1750), Figuren, Statuen und vergoldetes Kruzifix von Ignaz Franz Platzer, beide Künstler haben auch den Hochaltar bildhauerisch gestaltet. Die beiden Orgeln baute Johann Anton Gartner. Die Grabstätte des Hroznata von Ovonec befand sich bis 1898 in dem Steinsarkophag vor dem Hochaltar und werden jetzt in einem Schrein in der Apsis des linken Seitenschiffes aufbewahrt.

Das Hotel und einzelne kleinere Einheiten des Gebäudeensembles sind verpachtet; Vermietungen, einzelne Kursangebote – etwa zum früheren Klosterleben oder im Wortsinn irdischen Dingen wie Keramik – dazu die touristischen Führungen durch die Bibliothek und die Klosterkirche bringen Leben aufs Gelände, Aufmerksamkeit und ein paar der dringend benötigten Einnahmen. Bei derzeit rund 20.000 Besuchern jährlich ist das nicht allzu viel, doch auch hier wirken die kleinen Schritte, die im Stift Tepl prinzipiell lange Wege vor sich haben. Kein Vergleich zur einstigen Macht und wirtschaftlichen Größe. »Wir stehen in Verhandlung über den früheren Grundbesitz«, sagt Lobkowicz, und es klingt nicht so, als sei große Bewegung in der Sache. Es geht um mehrere tausend Hektar Land, die nach der systematischen Liquidierung der katholischen Kirche ab 1948 längst verschiedene neue Besitzer und Bewirtschafter gefunden haben. Wer weiß.

Auch auf die Seelsorge kann sich die Abtei nur im Sinne des geistlichen Auftrags stützen. Einige Pfarreien mit sieben Kirchen betreuen sie, mit nur einem knappen Dutzend Priester, einige davon sind eigentlich schon im Ruhestand. Von Nachwuchs kann keine Rede sein. »Es gibt nicht viele Gläubige in Westböhmen«, seufzt der Abt. Um die musste sich Tepl schon früher bemühen, doch aus großen Aufgaben kann große Kraft erwachsen. Als den Chorherren im 16. Jahrhundert etwa Luthers Lehren um die Ohren pfiffen, behauptete sich das Kloster als religiöses Zentrum der Gegenreformation, überstand zahlreiche Plünderungen und Zerstörungen durch Hussiten und evangelische Truppen und erlebte schließlich eingangs des 18. Jahrhunderts den Beginn seiner Blüte. Wie prächtig die ausgefallen sein muss, davon kündet die ganze Anlage noch immer – mit ihrer beschaulichen Natur und überwältigenden Vielfalt an Kultur, vom reich geschmückten hohen Kirchenschiff bis zu den kunstvollen Galerien des Horts der Wissenschaft.

TEXT & FOTOS: MARKUS SCHNEIDER
AUS

#0009 / 2016