Privatbrauerei Blechschmidt, Treuen: Kniffe, Tricks und Tradition

Es gibt nicht viele Städte in Europa, die auf eine über 500-jährige und noch dazu lebendige Brautradition zurückblicken können. Es gibt auch nicht viele Menschen, die wissen, dass das vogtländische Treuen eine solche Stadt ist. Denn seine Biere stellen zwei ganz wesentliche Bedingungen, wegen denen ihnen der große Markt wohl immer verschlossen bleiben wird: kurze Vertriebswege und tiefes Verständnis.

Wie man sich unschwer vorstellen kann, ist alleine die Chronik der heutigen Privatbrauerei Blechschmidt eine viele Seiten füllende Geschichte für sich. Sie beginnt irgendwann gegen Ende des Mittelalters auf der von mehreren Teichen umgebenen Wasserburg zu Treuen, die bereits im 30-jährigen Krieg zerstört worden war. (Zum Treuener Schlossfest wird dieses Ereignis jährlich von hunderten begeisterten Statistien detailverliebt nachgestellt.) Jenseits dieser Teiche befanden sich große Keller und Schuppen, in denen nicht nur Vorräte, sondern auch das im Winter geerntete Eis der Teiche eingelagert wurden. Und dort brauten die Treuener auch ihr erstes Bier. Die Tradition gründet somit auch auf den Standort, denn seit je ist dieser Flecken Erde auch das Gelände der Brauerei. Sagen und Geheimnisse ranken sich bestimmt ebenso lange schon um diesen Ort. So hält sich wacker das Gerücht vom unterirdischen Geheimgang, der einst Burg und Eiskeller verbunden haben soll. Wirklich untersucht wurde das nie, und Arndt Blechschmidt, der heutige Brauereichef, lächelt zwinkernd, wenn er darauf zu sprechen kommt. »Möglich wäre es vielleicht schon, der Boden hier ist sehr lehmig. Und manchmal, das ist tatsächlich etwas seltsam, verschwindet der Bach kurz vor der Brücke plötzlich im Erdreich. Das ist ziemlich genau auf der geraden Linie zwischen Brauerei und ehemaliger Burg.« Dann zuckt er mit den Schultern. Seine Gedanken drehen sich lieber um handwerklich gebrautes Bier als um vermeintliche Hohlräume.

Bevor die aus dem oberfränkischen Weißenstadt stammende alte Bierbrauerfamilie Blechschmidt 1926 in die Geschicke des Treuener Betriebs einsteigt, durchlebt der eine wechselvolle Geschichte. Einer der wichtigsten Abschnitte datiert um die Jahrhundertwende. Aus dieser Zeit stammt auch das Gebäude selbst, dessen Inneres zum Teil ein hochinteressantes technisches Museum birgt. Zu Vorführungszwecken wird gern mal die alte Dampfmaschine von 1904 angeschmissen, die einst den gesamten Betrieb mit Kraft versorgte, und oben auf dem Dachboden zeigt Arndt Blechschmidt dann sein Steckenpferd, die »Eisstrecke«. 1993 hatte er sein Braumeisterstudium abgeschlossen, 2000 den Familienbetrieb übernommen. Mit ihm arbeiten die Blechschmidts nun in der 7. Generation im Brauwesen, auch das ist nicht eben gewöhnlich. Und der vergleichsweise junge Brauereichef lebt dies mit jeder Faser seines Herzens, daran kann kein Zweifel sein. Schier unerschöpflich scheint sein Wissen um die großen und kleinen Geheimnisse des Bierbrauens.

Und er gräbt gerne tief im Fundus der Überlieferungen, freut sich über jeden Kniff und jeden Trick der alten Meister, derer er habhaft werden kann. Denn Arndt Blechschmidt geht andere, gemessen an heutigen Standards neue Wege: »Ich habe mich vollends der handwerklichen Brauweise verschrieben, die ausschließlich frische und unbehandelte Biere ohne Konservierung zum Ergebnis hat. Dafür kommen nur allerbeste Zutaten in Frage, und das erfordert extrem viel Zeit und Arbeitsaufwand.« Es ist eine kleine Nische auf dem Markt, in der man sich nicht eben gemütlich einrichten kann. Ursprünglich, mit allen Vorteilen und Risiken. Wie früher sind die Treuener Biere nur sehr begrenzt haltbar, unter idealen Bedingungen können sie etwa 6 bis 8 Wochen lagern. Deshalb die kurzen Wege im Vertrieb, deshalb auch der höhere Anspruch an die Genießer. Es seien fast ausschließlich regionale Stammkunden, die Blechschmidts Bier kaufen, welches überdies auch preislich nicht die Spur mit den großen Marken mithalten kann. Sie wissen den Charakter der fünf Treuener Sorten zu schätzen, sie stufen es als gesund und bekömmlich ein – Arndt Blechschmidt selbst darf mit diesen Attributen freilich nicht werben. Er kann nur weiter diesen Mordsaufwand betreiben, um die Qualität zu halten. Denn nur die Treue der Fans der Treuener Braukunst sichert ihm das Überleben. Und deshalb zögert er noch etwas: »Am liebsten würde ich ja auch die Filtrierung weglassen und mein Bier naturtrüb anbieten. Doch dafür finden sich nicht viele Freunde, noch nicht. Irgendwann werde ich es wohl aber einfach mal machen …«

TEXT & FOTO: MARKUS SCHNEIDER