Mario Falcke: »Irgendwann wendet sich alles zum Positiven«

In seinen jungen Jahren wünschte sich Mario Falcke nichts sehnlicher, als Schauspieler zu werden. Das Talent merkt man ihm auch heute noch an. Gekonnt setzt er Pausen, fixiert seinen Gesprächspartner, bevor der Blick durch den Raum schweift. Manchmal hebt er ungewohnt, nahezu dramatisch die Stimme. »Ich hatte ein fotografisches Gedächtnis«, sagt er stolz. Hatte. Denn Falcke, 1962 in Gommern bei Magdeburg geboren, sollte die Ausbildung als Schauspieler von Staats wegen verwehrt bleiben. Den Weg auf die Bühne fand er schließlich dennoch.

Bereits früh engagiert sich Mario Falcke im Magdeburger Theaterjugendklub, ergattert bald schon kleinere Nebenrollen in DEFA-Filmen. Zieht in den 80er Jahren nach Berlin, um tiefer in die künstlerische Szene der DDR-Hauptstadt einzutauchen, trifft sogleich selbstredend auf junge Menschen, die etwas in ihrem Land verändern wollen. Schnell gehört er dazu. »Ich habe mir mehr kulturelle Freiheit gewünscht und rasch begriffen, dass diese eng mit der politischen Freiheit verknüpft ist«, erklärt er seine Motivation. Ihn stört vor allem die starke Zensur, die auch vor der Auswahl der Theaterstücke nicht haltmacht.

Operative Personenkontrollen (OPK) wurden gegen Personen angewandt, die den Status Quo der DDR infrage stellten. Durch diese Maßnahme sollten feindlich-negative Handlungen erkannt und verhindert werden. Dabei führte das Ministerium für Staatssicherheit alle Informationen zusammen, derer es habhaft werden konnte: von staatlichen Organen, Betrieben und Instituten, gesellschaftlichen Organisationen, Polizei, aus Korrespondenz und Telefonaten, Familien-, Freundes- und Kollegenkreis. Die OPK bildete die Vorstufe sich eventuell anschließender Operativer Vorgänge.

(Quelle: Wikipedia)

Auf die Frage, ob er sich der Konsequenz seines Handelns bewusst gewesen sei, lacht er nur und sagt: »Ich war gerade 18 geworden – jung, männlich, dynamisch. Wir alle folgten dem Leitsatz: Lass uns was tun!« Im November 1983 starten er und seine Freunde eine Malaktion in einem Berliner S-Bahn-Übergangstunnel. Was aus heutiger Sicht harmlos klingt, führte damals zu einer Vorladung bei der Stasi. »Da hat mir noch mein schauspielerisches Talent geholfen«, meint Falcke augenzwinkernd, »Ich sagte, dass ich nur zufällig vorbeigekommen sei und die Idee, den tristen Tunnel zu verschönern so gut gefunden hätte, dass ich einfach mitmachte.« Man glaubt ihm, lässt ihn frei – nicht jedoch ohne eine Operative Personenkontrolle gegen ihn einzuleiten.

So wird Falcke dabei beobachtet, wie er sich für seine in Haft befindlichen Freunde einsetzt und die Amerikanische Botschaft aufsucht, um deren Namen zu übermitteln. Denn nur, wessen Geschichte zu den westlichen Medien durchdringt, hat eine Chance auf Strafmilderung. Als er die Botschaft verlässt, warten schon zwei Leute von der Stasi mit einem Lada auf ihn. Falcke wird abgeführt. »Eine lähmende Angst breitete sich in mir aus«, erinnert er sich an jenen lebensveränderten Moment. Zwei Tage harrt er in einer Verhörzelle aus, bevor er in das Magdeburger Untersuchungsgefängnis überführt wird. Ein Riss geht durch ihn hindurch und er selbst spricht von psychischem Terror: schreckliche Angst vor dem, was ihn erwartet einerseits und andererseits die Hoffnung, dass es nicht so schlimm würde oder er sogar freikomme. Das Urteil: zehn Monate Haft. »Die Gefängnisse waren bessere Akkordarbeitslager und ich war starkem körperlichen Terror ausgesetzt«, erklärt Falcke mit starrem Blick. Schwerkriminelle wurden von den Vollzugsbeamten vorzugsweise als Vorarbeiter ausgewählt und so mit Macht ausgestattet. »Mobbing stand auf der Tagesordnung. Im Klartext hieß das: eins auf die Fresse!«

Falcke übersteht die Zeit, nicht ahnend, dass die Stasi bereits vor seiner Freilassung einen Operativen Vorgang gegen ihn beschlossen hat. »Die wollten ein Exempel an mir statuieren – als Warnung an Andere«, vermutet Falcke und sucht nach Gründen: »Ich war aktiv in der Opposition, habe viele Leute gekannt und nie meine aufrechte Haltung verloren.« Bei seinen Worten entlädt sich über dem alten Schulhaus in Eschenbach ein kurzes Frühlingsgewitter. Es scheint wie eine ferne Erinnerung an die mächtige und unnachgiebige Staatsgewalt der DDR zu sein. »Wie romantisch«, bemerkt Mario Falcke lakonisch.

Falcke soll wieder ins Gefängnis wandern, seelisch zerstört werden. Sein Umfeld ist von Spitzeln durchdrungen, man hat einen Zweitschlüssel zu seiner Wohnung und hört sein Arbeitstelefon ab. Elf Monate lebt Mario Falcke in ständiger Angst, denn er weiß, dass man ihn beschattet. In dieser Zeit hofft er zugleich auf die Bewilligung seines Ausreiseantrags, den er kurz nach seiner ersten Verurteilung gestellt hat. »Die DDR war meine Heimat, ich wollte nicht weg! Aber mir war auch klar, dass ich hier nicht mehr würde leben können und alle Chancen auf eine schauspielerische Ausbildung verwirkt waren«, rechtfertigt er sich. In seiner Not nimmt er eine Tonkassette mit einem Hilferuf für den Fall einer erneuten Verurteilung auf. Beim Versuch, sie in den Westen zu schmuggeln, wird er schließlich verraten. Die Stasi zögert nicht und steckt Falcke für mehre Monate in Isolationshaft ohne Tageslicht. »Bereits nach kurzer Zeit hatte ich keinen Tag-Nacht-Rhythmus mehr, mein Körper spielte verrückt – ich wurde schwer apathisch.« Schließlich wird er verurteilt – zu zwei Jahren und zehn Monaten. Manchmal weiß er nicht, ob er überleben wird. »Meine Mutter kam einmal zu Besuch und setzte sich einen Tisch von mir entfernt, wartete auf ihren Sohn. Sie erkannte mich nicht mehr«, presst Mario Falcke hervor. 1987 wird er schließlich vom Westen freigekauft.

Er kommt ins Gießener Übergangslager, besitzt nichts weiter als eine Plastetüte voller Unterwäsche. »In Gießen wurde ich von den Geheimdiensten der USA, BRD sowie von Frankreich und Großbritannien verhört. Ich dachte, ich wäre im falschen Film! Wieder Verhöre! Sie waren nett zu mir, aber ich konnte einfach nicht mehr.« Die folgenden Jahre verbringt Mario Falcke in München, ist freiberuflich im Werbe- und Marketingbereich aktiv. Auch wenn er nun in der Bundesrepublik nicht mehr den Weg in die Schauspielerei findet, engagiert er sich über viele Jahre in der Kultur- und Veranstaltungsbranche. Und diesem Pfad bleibt er treu. 1993 entscheidet er sich zum Kauf der alten Schule im beschaulichen Eschenbach. Bereits zu DDR-Zeiten hatte es ihn in das Dorf wegen der dort stattfindenden Kunst- und Sommerfeste gezogen. 17 Jahre später erwirbt seine Frau Ines zusätzlich das alte Kunsthaus. Es ist die Lust an der Kreativität, welche die beiden Eheleute motiviert und der Gedanke, den Menschen etwas zu bieten, was es so bisher im Vogtland noch nicht gegeben hat.

Der Operative Vorgang (OV) bezeichnete die höchste Kategorie der Feindbearbeitung in der DDR. Gegen die zu ermittelnde Person wurden umfassende Überwachungsmaßnahmen eingeleitet, um ihr so ein staatswidriges Verhalten nachweisen zu können. Im Rahmen des OV wurden in einer festgelegten Abfolge »Maßnahmepläne« erarbeitet und zur Anwendung gebracht. Abgeschlossen wurde der Vorgang entweder mit der Eröffnung eines offiziellen Ermittlungsverfahrens oder durch die Einstellung der Bearbeitung. Gelegentlich wurde auch versucht, die Zielperson als Inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben.

(Quelle: Wikipedia)

Für politische Häftlinge mit Ausreiseantrag bestand stets die Hoffnung, vom Westen freigekauft zu werden. Es handelte sich dabei um inoffizielle Geschäfte auf Basis von Geld, Waren oder Devisen zwischen der DDR und der BRD.

Während das Kunsthaus seiner Frau die Möglichkeit gibt, sich als Künstlerin zu verwirklichen, sieht sich Mario Falcke selbst eher als Organisator verschiedener Events, wie etwa des Bestivals (siehe 4/4, Ausgabe #0001, Sommer 2014). Wichtig ist: Was sie tun, ist kein Business, sondern Liebhaberei mit viel Herzblut.

Mit den Geschehnissen der Vergangenheit hat er sich übrigens bereits am Tag der Wiedervereinigung ausgesöhnt: Im Radio hört er von der unglaublichen Nachricht und macht sich sofort auf den Weg nach Berlin. Während in den frühen Morgenstunden alle Menschen von Ost nach West streben, kehrt er zurück nach Berlin, Prenzlauer Berg. Dort, wo er so lange gewohnt hat und seine Geschichte ihren tragischen Verlauf nahm, schließt sich für ihn ein Kreis. Zugleich befreit es ihn, dass nun der Weg in die Heimat nicht mehr versperrt ist. Seine Lebensphilosophie fasst er mit den Worten zusammen: »Man sollte immer daran denken, seine Courage zu halten, und dass sich alles irgendwann zum Positiven wendet.« Und wie er es sagt, strahlt sein ganzes Wesen Zufriedenheit aus.

TEXT: CHRISTIANE FISCHER
FOTOS: CHRISTIANE FISCHER, PRIVATARCHIV MARIO FALCKE
AUS

#0009 /2016