Mario Goldstein: Der Freiträumer

Mario Goldstein lebt vom Abenteuer – und macht daraus ein Festival

2001 dreht Unternehmer Mario Goldstein sein Leben um 180° nach links. Verkauft alles und segelt los, im Katamaran »Goodlife«, einmal um die halbe Welt. Im Vollbesitz der nahezu absoluten Freiheit hat der Aussteiger aus Oelsnitz im Vogtland nur ein Ziel: wieder glücklich zu werden. Sehr viel später wird er den Menschen davon erzählen, in seinem Multivisionsvortrag »5 Jahre, 5 Meere«. Da ist das nächste Abenteuer aber schon im Anmarsch: 2011 bricht er mit einem umgebauten Wasserwerfer der Polizei zum Dalai Lama auf. 2013 durchquert er zunächst Kanada, um im Jahr darauf mit einem selbstgebauten Floß über den Yukon bis zur Beringsee zu gelangen. Und nun beschert der Mittvierziger seiner Heimat Ende März das »Freiträumer-Festival« in Plauen, drei spannende Tage über Abenteuer, Freiheit und Adrenalin.

Der Verkauf deiner Firmen hatte dir einen finanziellen Grundstock verschafft, eine gewisse Unabhängigkeit und eben auch die Möglichkeit – zusammen mit Alice aus den USA – dir ein hochseetaugliches Segelboot zu kaufen. Wäre es nicht konsequenter gewesen, sich ohne Polster, mit nur sehr geringen Mitteln auf den Weg zu machen?
Das ist alles nur eine Frage der Einstellung. Man trifft ja auf viele Menschen unterwegs, wahrscheinlich hätte ich auch einen Weg ohne das Geld gefunden. Entsprechende Ideen gab es tatsächlich, als Tauch- oder Segellehrer ins Ausland zu gehen, auf einem großen Schiff anzuheuern. Hauptsache erstmal raus. Und meine Erfahrung bestätigt nur unzählige Geschichten: Wenn du rausgehst, eröffnen sich auf einmal neue Wege und Möglichkeiten. Das ist diese große Barriere, die viele Leute nicht überwinden können. Die sagen: Was will ich denn jetzt in Ägypten, da war ich nie, da kenn ich mich nicht aus und spreche die Sprache nicht! Aber bin ich dort, stelle ich fest: Da gibt’s Deutsche, da gibt’s ne Community von Europäern, freundliche Ägypter, Natur, interessante Sachen, man hat mit Leuten zu tun – und auf einmal sieht die Welt ganz anders aus und man sagt: Hey, gottseidank bin ich nach Ägypten als Tauchlehrer gegangen!

Man wird sich da aber mit der Gewissheit der existenziellen Sicherheit im Falle eines Scheiterns immer viel leichter tun!
Natürlich, logisch. Mit einem finanziellen Grundpolster ist es immer leichter, gewisse Dinge zu realisieren. Entscheidend ist aber der Mut, überhaupt eine Veränderung zu machen. Und dann wird man sehen, was für ein Gefühl man dabei hat. Ich habe meine Sachen damals ja auch nicht höchstbietend verkauft, ich wollte es vor allem schnell loswerden. Also hab ich es an meine Partner abgegeben zu Preisen, wo sie auch nicht Nein sagen konnten.

Du hast wirklich alles verkauft?
Absolut alles. Ich hatte noch mein Konto, über das der Unterhalt geflossen ist, meine Winterschuhe standen bei der Mutter im Schrank, das war’s. Keine Wohnung, keine Möbel, ich war total frei. Ich hatte nur noch das Boot, das Meer vor der Tür und den Wind, der nix kostet. Da konnte ich hinfahren, wo ich wollte und hab in der ganzen Zeit gar nicht mal so teuer gelebt.

Waren die vielen freien Jahre auf See nicht genug, um wieder »anzukommen«?
Als die Segelei zu Ende ging, war mir klar, dass ich kein sesshafter Typ mehr werden will. Obwohl ich mit meiner damaligen Freundin Yvonne ja auch versucht hatte, mich in der Karibik niederzulassen, später auf Mallorca, dort Arbeit zu finden – das Geld ist ja dann auch mal zur Neige gegangen. Aber ich spürte, dass das nicht mein Ding ist, mich länger irgendwo niederzulassen und in diesem normalen Rhythmus in diesem Hamsterrad zu drehen, wo jeden Tag dieselbe Begegnung stattfindet. Ich brauche immer mal so einen Anreiz, ich muss was Neues erkunden, neue Luft schnuppern. Dann habe ich das Gefühl zu leben. Deshalb steht der Wasserwerfer in der Garage und wenn ich will, setze ich mich da rein, starte das Ding und fahre los. Das zu wissen, ist für mich sehr wichtig.

Du gibst es dir also etappenweise. Kommst zurück, musst irgendwann wieder raus, neues Ziel, nächster Trip und so weiter. In spätestens einem halben Jahr wirst du wohl schon wieder unterwegs sein. Wo geht es denn als nächstes hin?
Oh, wenn ich das jetzt genau wüsste … Es gab zum Beispiel schon immer die Idee nach Indien oder Sri Lanka zu reisen, die buddhistische Welt längere Zeit zu hinterleuchten und mehr Weisheiten zu erfahren. Das hat vor allem was mit mir zu tun, ich möchte einfach mehr darüber wissen. Aber im Moment, so blöd das jetzt mal klingt, sehe ich mich eher so im Dienste der Menschheit. Dass ich mich in Dinge hineinbegebe, die niemand machen will oder die sich keiner traut, und dann diese Erfahrung mitzubringen: »So und so ist es, ich würd’s jedem empfehlen.« Oder: »Lass es lieber.« Indien wiederum ist eher nur so für mich.

Daraus würde vielleicht nicht so ein spektakulärer Vortrag werden.
Weiß man nicht, klar. Es gibt unterschiedliche Ambitionen. Manche Veranstalter sagen: »Hey, ich brauche einen Ländervortrag, der läuft bei mir. Abenteuer, so wie du es machst, läuft nicht so gut.« Beim MUNDOlogia Freiburg, dem größten deutschen Festival dieser Art mit 20.000 Besuchern – die machen das schon seit 10 Jahren – wurde ich in den kleinen Saal gebucht mit »5 Jahre, 5 Meere«, was natürlich eine Abenteuergeschichte ist. Und das war mit einer der ersten Vorträge, die ausgebucht waren. Ländervorträge können halt je nach Referent auch mal ein bisschen langweilig sein. Aber bei diesen Abenteuergeschichten kannst du die Leute auch von der Aufarbeitung her auf eine Reise mitnehmen, die sie nicht so schnell wieder vergessen werden. Und das ist eben so mein Ding.

»Ich hatte im Grunde ein Gewaltinstrument in der Hand, das konnte ich einfach nicht ignorieren.«

Wenn du dich zum nächsten Abenteuer aufmachst, klopfst du da schon vorher ab, inwieweit sich da ein Vortrag draus machen ließe, was dieser Vortrag für ein Marktpotenzial hätte?
Ich denke, das ist halb und halb mittlerweile. Als ich damals auf See los bin, hatte ich mit keiner Silbe dran gedacht, der Gedanke kam erst sehr viel später. Aber wenn man auf der Bühne steht und hat ein paar Hundert Leute im Saal, entsteht auch Interaktion. Man hat das Gefühl, spürbar etwas bewegen zu können, dass sich Gedanken multiplizieren. Das zu wissen, bringt natürlich eine ganz andere Verantwortung in die Entscheidungen ein, was ich in Zukunft machen will: Was würde ich gern machen, was würde mich reizen – und was könnte ich damit bewegen? Das spielt automatisch mit rein und das kannst du auch nicht ausschalten.

Bei dem Trip zum Dalai Lama muss man einfach Kalkül unterstellen: spektakuläres Fahrzeug, Seine Heiligkeit, Pakistan – Krisengebiet. Noch dramatischer lässt es sich ja wohl kaum auf den Punkt bringen.
Dabei war diese Reise gar nicht so geplant. Das war ein Puzzle, das sich innerhalb weniger Monate so zusammengesetzt hatte. Die Idee, mit einem Expeditionsmobil über Land zu reisen: da saßen wir noch auf dem eben verkauften Katamaran. Nordschleife vielleicht, über Russland wieder rein. Oder Amerika. Dann die Suche nach dem Fahrzeug: da guckst du nicht nach einem Wasserwerfer, sondern nach alten Feuerwehren, Armee-Mannschaftswagen. Allrad, ohne Elektronik. Aber dann hatte ich den durch Zufall im Internet entdeckt – ich wusste nicht mal, dass Wasserwerfer überhaupt verkauft werden. Aber der war noch gut in Schuss, nur 29.000 Kilometer runter, Startgebot 17.000 Euro. Und erst da ist bei mir im Kopf so ein Rad losgeschnurrt, Stuttgart 21 war gerade Tagesthema: Wasserwerfer? Ich hatte im Grunde ein Gewaltinstrument in der Hand, das konnte ich einfach nicht ignorieren. Und zum Dalai Lama nach Indien wollte ich sowieso schon immer. Damit war die Route klar: Wie ich es auch vertretbar anstelle, ich muss durch Pakistan. Da hatte mich die Idee schon voll gepackt: Mit der abgerüsteten Kriegswaffe zum Friedensnobelpreisträger! Dann mit der Tochter im Kindergarten darüber geredet: Los komm, wir geben noch eine Friedensbotschaft mit. Das hat natürlich auch damit was zu tun, dass du das Thema gedanklich immer weiter ausbaust und nach höheren Chancen suchst, den Dalai Lama auch wirklich zu treffen. Da wird ja nicht jeder reingelassen. Während des Umbaus konnten wir dann die tausend Botschaften sammeln, vier Bücher draus binden lassen und mit nach Indien nehmen.

Da lässt sich nicht leugnen, dass dir deine unternehmerische Vergangenheit wieder zu Gute kommt.
Auf jeden Fall. Sie ist ein Grundstein, der mich jetzt auch bei der Vortrags- und Festivalorganisation weiterbringt. Ich weiß, worauf es ankommt, kann die Leute koordinieren, dass sie in eine bestimmte Richtung arbeiten. Nur ist Gewinnmaximierung nicht mehr Streben und Ziel. Es muss sich tragen. Heute muss nicht mehr der neueste Schlitten vor der Tür stehen, so wie früher. Ich habe sehr darum gekämpft, in der Branche Fuß zu fassen und fest gebucht zu werden – und das läuft jetzt eigentlich optimal. Dabei geht es eben auch darum, Gutes zu säen. Nicht nur für mich, sondern vor allem für Andere. Da stehen wir alle in der Pflicht.

Sind es diese großen Gedanken, die man auf Reisen wälzt? Der Sinn des Lebens in der Südsee, Religion in Pakistan, Politik auf dem Yukon?
Klar, je nachdem, in welche Richtung gerade die Gedanken fließen oder wo die Gesprächspartner herkommen. Aber man schlägt sich da auch mit ganz kleinen, ganz alltäglichen Angelegenheiten herum. Natürlich war ich auf dem Yukon wesentlich entspannter als hier, obwohl ich dort auch Stress hatte, aber mein Leben war einfacher. Außer dem Wetter gab es keine Einflüsse von außen. Letztlich muss man sowieso alles immer wieder reduzieren auf das, was man selbst tatsächlich tun kann. Da sehe ich mich durch die Vorträge schon in einer großen Verantwortung, weil sie einen Einfluss auf die Leute ausüben.

Das Freiträumer-Festival umso mehr. War das auch so eine spontane Idee?
Nein. Durch die ganzen Vorträge erlebt man solche Festivals in anderen Städten und denkt sich dann so: Mensch, das hat es in Plauen in der Form noch nicht gegeben. Das wollte ich riskieren – da kam der Unternehmer wieder in mir durch – und hatte ursprünglich, vor drei Jahren schon, lange mit dem Theater verhandelt. Aber dort konnte man sich nicht langfristig auf drei zusammenhängende Tage festlegen. Und im Sommer, während der Spielpause, kannst du so ein Festival nicht machen. Dann lag das erstmal wieder ein Jahr lang im Hinterkopf auf Eis, die Festhalle war mir anfangs zu groß – bis wir aus Kanada wiederkamen und ich dachte: Ach komm, wir machen das. Aber Vollgas! Es ist natürlich ein großer Rahmen, wir werden sicher auch hier und da unsere Grenzen kennenlernen. Doch wir haben ein gutes Team, alle sind mit Begeisterung dabei. Und wir verkaufen täglich Karten.

Was ist das größere Wagnis? So ein Festival zu stemmen oder den Yukon auf dem Floß zu bewältigen?
Wenn du den Yukon machst, bist du auf dich gestellt. Du weißt, was du kannst, und du dealst mit anderen Faktoren: dem Wasser, der Natur, dem Wetter. Die lassen sich nicht so kontrollieren wie die Faktoren eines Festivals, du kannst eigentlich immer nur reagieren. Es ist beides eine Herausforderung, aber ich würde sagen, der Yukon ist einfacher. Dort ist es auch egal, ob du vier Wochen später ankommst und ob 50 oder 1.000 Leute auf dich warten, aber bei dem Festival musst du eine Punktlandung hinlegen, sonst funktioniert es nicht. Der Druck ist größer.

Und warum hast du keinen eigenen Vortrag ins Festival eingebaut?
Ursprünglich war die Reise zum Dalai Lama vorgesehen, aber auch nach Rücksprache mit anderen Organisatoren haben wir das wieder rausgenommen. Durch die Größe des Festivals wird das eine Herausforderung im ganzen Ablauf. Ich will für die Referenten und die Zuschauer da sein, da gibt es so viele Dinge, um die man sich kümmern muss. Abgesehen davon habe ich meine beiden Vorträge hier in der Umgebung schon sehr oft gezeigt, und die Yukon-Reise ist noch nicht fertig aufgearbeitet.

Denkst du schon darüber nach, wie es danach weitergeht? Vielleicht sogar eine Tournee mit dem Festival?
Möglich ist sicher vieles und natürlich gibt es da auch Gedankenspiele, aber für Pläne ist es zu früh. Erstmal hier das Ding machen – und wenn es gut wird, dann vielleicht nächstes Jahr wieder. Und dann schauen wir mal.

Vielen Dank für das Gespräch!

INTERVIEW & TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: MARIO GOLDSTEIN