Porzellanikon, Selb und Hohenberg/Eger: Das weiße Gold der Tischkultur

Nicht nur, aber diesen Herbst ganz besonders, lohnt ein Ausflug ins Porzellanikon nach Selb und Hohenberg/Eger. Man kann sich das für einen Nachmittag vornehmen, besser jedoch wäre gleich das ganze Wochenende. Denn das Staatliche Museum für Porzellan feiert dieses Jahr an seinen beiden Standorten gleich 3 Jubiläen, mit der komplett neu konzipierten und wahrlich überragenden Sonderausstellung »Rosenthal – ein Mythos. Zwei Männer schreiben Geschichte«: Vor 125 Jahren begann Philipp Rosenthal sen. mit der eigenen Porzellanproduktion, sein Sohn Philip jun. kam vor 100 Jahren auf die Welt – und mit ihm das berühmte und wohl erfolgreichste Service »Maria«.

25 Jahre Aufbauarbeit stecken in dieser Exposition, verrät Kuratorin Petra Werner zu Beginn des Rundgangs durch das ehemalige Brennhaus der Rosenthal-Fabrik in Selb. Ein Großteil der bis 13. November dauernden Ausstellung wird deshalb auch dauerhaft zu sehen sein. Das Außergewöhnliche daran ist nicht nur ihr Umfang, es ist vor allem die spannungsvolle Verbindung aus einer global bedeutsamen Unternehmensgeschichte, aus einer Fülle von Exponaten, die gleichermaßen für die epochale Entwicklung der Tischkultur und ästhetisches Kunstempfinden stehen, und aus der Biografie zweier Männer, Vater und Sohn, die durch ihr Wirken zeitlebens genau dieses Spektrum so maßgeblich beeinflusst haben. Gewiss, man kennt die Marke Rosenthal. Das weiße Gold der Tischkultur. Aber selbst Kenner dürften überrascht sein, wie vielfältig und weit über sämtliches Geschirr oder Vasen hinaus dieser Name in den Lauf der Jahrzehnte hineingespielt hat – und das auch immer noch tut. Und auf einmal entpuppt sich die kleine oberfränkische Stadt Selb, von der man im alltäglichen Mediengeschrei herzlich wenig hört, als einer der Nabel dieser Welt.

»Philipp Rosenthal sen. und Philip Rosenthal jun. haben als Visionäre weit über den Standort ihrer ersten Produktionsanlage im oberfränkischen Selb hinaus Industrie- und Porzellangeschichte geschrieben«, würdigt Dr. Ludwig Spaenle, Bayerns Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, die Ausstellung am Tag ihrer Eröffnung vor 450 geladenen Gästen. »Ihr Name steht weltweit für hochwertige Porzellanerzeugnisse. Die beiden Persönlichkeiten verdienen es, dass sich das Staatliche Museum für Porzellan intensiv mit ihrer Biographie und ihrem Werk, aber auch der Arbeit und dem Alltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der weltweit bekannten Firma Rosenthal auseinandersetzt.« Da ist einerseits der Senior, ein Grandseigneur seiner Zeit, der nach Amerika auswanderte, sich buchstäblich vom Tellerwäscher hocharbeitete und schließlich als eleganter Mann von Welt in seine Heimat zurückkehrte, um dort die Marke zu begründen. Ganz Industriekapitän alter Schule, der Herr Geheimrat, doch mit einem trugsicheren Gespür für Innovation und Qualität gesegnet. Er war nicht nur einer der ersten Deutschen, die mit einem Auto durch die Gegend fuhren, er war vor allem der erste Unternehmer seiner Branche, der eine eigene Kunstabteilung eröffnete. Und dann der Junior, lebenslustig wie der Vater, aber auch ein Draufgänger, ein Paradiesvogel, der in der Fremdenlegion diente, auf 6.000er kletterte und überhaupt den Extremsport liebte. Ein geborener PR-Experte, der folgerichtig auch als Marketingchef in den väterlichen Betrieb einstieg und die ohnehin schon als Avantgarde geltende Marke noch einmal gehörig auf links drehte, der mit Salvador Dalí, Henry Moore, Andy Warhol und vielen weiteren namhaften Künstlern von Weltrang der Porzellankunst einen ungeheuren Schub verlieh. Aber auch ein gewandter Politiker vom Typ Sozialdemokrat, dem das Wohl seiner Leute sehr am Herzen lag. Auch dies ein Punkt, in dem sich beide Rosenthals gleichen.

PHILIPP ROSENTHAL SEN. 1929

50 Jahre Unternehmer: Geheimrat Dr. h. c. Philipp Rosenthal, einer der wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten der deutschen Porzellanindustrie und Chef eines Konzerns mit 7000 Mitarbeitern. Selbst in der Fabrik in Selb tritt er derart elegant gekleidet auf.

Die Ausstellung ist entsprechend aufgebaut, erläutert Petra Werner, in der sich sämtliches verfügbares Wissen über Porzellan an sich und die Rosenthal-Geschichte im Speziellen zu vereinen scheint. Links der Senior-Schrein, rechts der für den Junior. Pointierte Arrangements, die unternehmerisches Wirken und private Persönlichkeit unterhaltsam kombinieren. Dann die manifestierten Resultate der beiden umtriebigen Geister. Rechts die Tischkultur, eine lockere Szenographie des Wandels innert hundert Jahren, eine sorgfältig gehegte Landschaft aus Porzellan, die erkundet werden will und gar nicht erst versucht, alles zu zeigen und zu erklären. »Wir haben das große Glück, auf das gesamte Archiv der Firma Rosenthal zugreifen zu können«, wirft Petra Werner ein. »Dazu kommen die eigenen Sammlungen des Museums – wir haben hier also kaum Leihgaben und können tatsächlich aus den Vollen schöpfen.« Was den Vorteil hat, dass der Besucher nicht durch schiere Fülle erschlagen wird und sich jedes jemals entworfene Dekor ansehen muss, sondern sehr akzentuiert durch die Geschichte geführt wird. Das hält die Ausstellung zugleich lebendig. Gegenüber, in selbst gefertigten und spannend inszenierten Vitrinen, die Kunst. Auch hier besticht die Exposition durch vornehme Zurückhaltung, die prägnante Schlaglichter auf Zeitenlauf und Zeitgeist wirft, die zugleich das unfassbare Spektrum künstlerische Aktivitäten in Verbindung mit Porzellan umreißt und sich nicht scheut, die verwegensten Stile auf engstem Raum zu bündeln, was manchem kunstsinnigen Feingeist die Sprache verschlagen mag, letztlich aber genau richtig ist. Indes eröffnet sich über all dem eine wahre Industriekathedrale, deren Fensterscheiben keine Heiligen, sondern Rosenthal-Dekore zieren. Darunter die Rosenthal-Chronographie, in der Mitte wie ein Altar die mächtige Brennkammer mit dem festlich gedeckten Tisch, darauf natürlich das 100 Jahre alte Erfolgsservice »Maria Weiß« – übrigens für die Ausstellung des Deutschen Werkbundes entworfen von der Bildhauerin Helene Brandt, die aus Plauen stammt.

Doch eigentlich sollte die Reise im Mutterhaus des Porzellanikons beginnen, in der früheren Villa des Porzellanfabrikanten C. M. Hutschenreuther in Hohenberg an der Eger. Denn dort wird zunächst die über 300 Jahre währende Geschichte des Porzellans an sich erzählt, das wie kaum ein anderes Material klarer Indikator des Lifestyles jeder Epoche ist und doch auch von zeitloser Ästhethik. Schon seit je lesen Archäologen aus einfachen Keramikscherben ganze Völkerschicksale – um wieviel reicher muss erst die kulturelle Information eines Mokka-Services des Art Déco sein. In Hohenberg befindet sich auch der Philipp Rosenthal sen. gewidmete Teil der Sonderausstellung bis 13. November, der sich mit dessen Kunstporzellan eingehend beschäftigt.

PHILIPP ROSENTHAL JUN.

Beim PR-Mann Philip Rosenthal fehlte selten die gute Zigarre.

In Selb hingegen zeigt das Museum den Schwerpunkt Philip Rosenthal jun. – »Vom Dreiklang auf dem Tisch zur Manufaktur des Wohnens«. Die um ein Vielfaches größere Fläche dieses Standorts erlaubt aber noch viel mehr: Etwa die Darstellung der kompletten Porzellanfertigung von den Rohstoffen bis zur fertig dekorierten Sammeltasse, wobei der Besucher selbst Hand anlegen kann. Hier lässt sich auch das Leben der Porzelliner nachvollziehen, hier wird das Thema »Design« großgeschrieben und hier zeigt sich auch, was Porzellan inzwischen als technischer Werkstoff zu leisten vermag. Beides zusammen ist Europas größtes Spezialmuseum für Porzellan, dessen Gebäude – Villa und Fabrik – gleichsam als Sinnbild für das weiße Gold stehen. Und wenn man einmal in der Porzellanstadt Selb weilt, dann sollte man noch ein weiteres Kuriosum nicht verpassen, das weltweit einzigartig sein dürfte: das Quartett der künstlerisch gestalteten Fabrikfassaden der Rosenthal AG. Hier haben die gestalterischen Kräfte von Otto Piene, Friedensreich Hundertwasser, Marcello Morandini (alle Wittelsbacherstraße) und Walter Gropius (Rotbühl) quasi auf einem Fleck gewirkt.

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: PORZELLANIKON, ROSENTHAL-ARCHIV SELB, JAHREISS
AUS

#0010 / 2016