René Eckert: »Blick ins Freie«

Nach vielen Jahren des ständigen Reisens um die ganze Welt zieht es den Filmemacher René Eckert zurück in die Heimat, zu den Wurzeln. Vor allem in der Snowboard-Szene genießt der gebürtige Rodewischer einen ausgezeichneten Ruf – immerhin hat er es nicht dabei belassen, nur coole Tricks abzufilmen und auf ewige Airtimes zu strecken. Eckert ging nach Polen. In die Slowakei. Nach Rumänien und Bulgarien, zuletzt China, um zwischen altkommunistischen Plattenbauburgen, pittoresken Dörfern und post-industriell verkargten Einöden die jungen Wagemutigen aufzuspüren, die alles dafür geben, auf einem Brett einen Schneehang abzureiten. Sein filmografisches Schaffen reicht indes längst weit über den Sport hinaus. In der Heimat arbeitet er sich am Kammweg ab, und ganz nebenbei organisiert er öffentliche Müllsammelaktionen in der Natur, zumeist verbunden mit etwas Lagerfeuerromantik und akustischer Musik. Der Name seiner Firma ist Programm, Motto und Lebenseinstellung zugleich: BLICKINSFREIE.

Wenn der Mensch ins Freie blickt oder blicken will, dann doch zwangsläufig aus einer Perspektive des Gefangenseins, oder? Worin bist du selbst gefangen?
Oh, ich interpretiere das ganz anders. Ich würde nicht sagen, dass ich gefangen bin in irgendetwas. Der Blick ins Freie, wenn du darauf anspielst, meint vor allem die Perspektive auf die Dinge. Aber gut, ich bin unheimlich schnell reizfähig und vielleicht ist das etwas, was mich ein bisschen befängt. Aber dann denke ich, okay, jetzt guck mal weiter und verliere dich nicht in den Dingen, die dir für den Moment wichtig erscheinen. Und in dieser Entscheidung bin ich ja immer frei, genauso was die Aufträge und Projekte betrifft, die ich annehme – oder nicht. Von daher würde ich jegliche Form von »gefangen« oder »befangen« für mich negieren.

Welche Reize sind das denn, auf die du vornehmlich reagierst?
Reize in jeglicher Art und Weise. Vor drei, vier Jahren war ich hin- und hergerissen zwischen Orten, da brachte das Filmemachen vor allem die Kohle für das Reisen. Und dann stehst du da in Sydney und denkst, das ist der schönste Ort auf Erden, und dann siehst du Costa Rica oder Alaska … Man wird nur mehr irritiert in dem, wo man eigentlich hingehört oder wohin man will. Nach einer längeren Zeit wird das dann einfach zu viel. Es geht ja soweit, dass man heute schon sowas wie ein Krankheitsbild diagnostiziert, durch die ganze Reizüberflutung, weil man mit vielen Dingen gar nicht mehr klarkommt und sich nicht mehr entscheiden kann. Diese »Reise« habe ich auch irgendwie bestritten und jetzt, nach fünf Jahren des Lebens auf der Straße habe ich mir ein Haus im Oberen Vogtland gekauft. Der Kreis, wo ich hin will, hat sich mehr und mehr geschlossen – in den Wald, wo ich hingehöre. Und das gibt mir auch wieder die Energie für internationale Projekte, denn das habe ich die letzten zwei Jahre nicht gemacht.

Das heißt, du willst jetzt also doch wieder verstärkt auf Reisen gehen?
Nicht verstärkt, aber bewusster. Ich gehe an Ort jetzt mit dem Gefühl zu wissen, wo man hingehört. Das hat mir lange gefehlt, eben weil ich mich nie entscheiden konnte. Dadurch war es immer so ein Leben zwischen Tür und Angel, mein WG-Zimmer in Leipzig war ständig zwischenvermietet, gearbeitet hab ich mit dem Laptop im Flugzeug. Jetzt weiß ich: Zwotental is my place. Es hat ja auch diesen Umwelt-Aspekt. Auf der einen Seite räumt man mit einer tollen Initiative hier den Müll weg, auf der anderen Seite jettet man um die Welt, das passt irgendwie nicht zusammen.

Grund dafür ist aber die Filmemacherei. Wie hat sich das denn entwickelt?
Eigentlich aus dem Snowboarden. 1999 hat mich ein Freund mal mit nach Österreich genommen auf den Hintertuxer Gletscher und gesagt: »Hier hast du ein altes Brett und noch ein paar alte Hosen, probier’s doch mal aus, vielleicht gefällt’s dir.« Nach zwei Jahren etwa haben wir dann angefangen uns gegenseitig zu filmen, wo wir rumspringen und so weiter, und da hat sich echt eine ziemliche Leidenschaft entwickelt, ein Interesse an Bildern. Es hat sich dann so ergeben, immer mal ein paar kleine Videos zu machen für die Freunde, und das lief aber auch alles parallel zu meinem BWL-Studium, so dass ich mich dann mal ausklinken musste und zwei Urlaubssemester genommen habe, um mich zu fragen: Will ich das Studium weitermachen oder will ich in die Filmschiene gehen? Ich habe mich dann für das Studium entschieden und dafür, mir die Filmerei selbst beizubringen. Und das war, das hat sich jetzt im Nachhinein herausgestellt, die beste Entscheidung überhaupt, weil ich mich selbst auch gut managen und strukturieren kann – deshalb war die wirtschaftliche Ausbildung optimal.

Was hat dich dann für deine Dokus in so entlegene, für den Snowboad-Sport eher atypische Gegenden wie Rumänien oder auch China getrieben?
Mir hat das Snowboarden selbst viel gegeben, und ich bin bewusst dorthin gegangen, um dem Sport in seiner Entwicklung zu helfen und da irgendwie etwas zurückzugeben.

Nun finanzierst du mit deinen Filmarbeiten seit dem Studium deinen Lebensunterhalt – die Fotografie hingegen betreibst du nur als Hobby?
Ja, und das wird auch immer ein Hobby bleiben. Ich bin einfach scheiße, wenn jemand zu mir sagt: »Hier, knipse mal!« Die Kamera ist immer dabei, weil es sehr spontan zugehen kann in der Welt – entweder man sieht etwas oder hat plötzlich eine Idee, aber mehr bringt das nicht bei mir.

Keine Auftragsarbeiten?
Nein, gar nicht – aber ich hatte schon mal ein paar Ausstellungen! In Amsterdam zum Beispiel hatte ich dann sogar bis auf drei Bilder alle verkauft. Trotzdem, das bleibt mehr Hobby als alles Andere.

Welchen Anspruch hast du beim Filmen an dich selbst?
Ach, ich bin vielleicht ein bisschen zu perfektionistisch, weil ich oft zu viel Zeit in Projekte investiere, die gar nicht so honoriert werden. Aber deswegen ist es ja auch alles irgendwo Hobby und Leidenschaft.

Und wann ist der Punkt der Perfektion erreicht?
Gänsehaut! Wenn ich Gänsehaut kriege, ist alles gut. Wenn die Geschichte und Bilder, vor allem aber die Musik miteinander harmonieren. Die Musik ist überhaupt sehr, sehr wichtig für mich.

Nehmen wir mal eine kommerzielle Arbeit von dir, den mehrteiligen Imagefilm zum Kammweg beispielsweise. Was hat dich da begeistern können?
Das ist für mich mehr das lokale Engagement. Ich bin ja jetzt wie gesagt ins Obere Vogtland gezogen, wo mich jeder fragt: »Sag mal bist du bescheuert? Warum ziehst du nicht nach Berlin und gehst hier in den Wald?« Aber dazu muss man Berlin erstmal kennengelernt haben, oder die Stadt an sich. Mit dem Kammweg oder mit lokalen Projekten verbindet sich ja auch regionale Entwicklung. Wenn ich der Region helfen kann, in gewisser Art und Weise interessant zu erscheinen, ihr eben einen gewissen Stempel aufdrücken, das Ganze etwas moderner machen kann. Dem entspricht auch die Umwelt-Aktion.

Lehnst du auch Aufträge ab?
Ja, da kommen einige. Meist natürlich aus zeitlichen Gründen, manche aber auch inhaltlich. Mich hat kürzlich zum Beispiel eine große Modehauskette zur Produktion eines Videos angefragt, aber man weiß eben auch, unter welchen Bedingungen dieser Konzern in Asien produzieren lässt, und das war für mich dann auch ein Grund, erstmal Nein zu sagen.

In dem Clip zum König Albert Theater in Bad Elster, worum geht es dir da?
Um Kultur im Wald. Aber das ist eigentlich nur ein kleines Seitenprojekt für einen Imagefilm über Bad Elster im Auftrag der Chursächsischen Veranstaltungs GmbH, den ich noch fertig machen muss.

Was macht denn die Kultur im Wald aus?
Wenn man an Kunst denkt, dann denkt man in dem Zusammenhang ja zuerst an Städte, an große Metropolen. Klar geht das dort Hand in Hand, aber es ist nicht darauf beschränkt. Ein befreundetes Künstlerpaar zum Beispiel verbringt jetzt eine Woche am Poetenweg im Wald, und die lassen sich durch die Natur inspirieren. Es gibt viele Leute, die aus dem, was im Wald rumliegt, richtig geiles Zeug machen. Genauso interessant ist es für mich zu sehen, dass eine solche kleine Stadt wie Bad Elster überhaupt ein Theater hat. Und damit sind wir wieder beim lokalen Engagement. Das macht die Kultur aus.

Deine seit inzwischen sechs Jahren regelmäßige Müllsammelaktion, die »Poetry«, ist also auch ein Beitrag zur Kultur?
Ja, es ist eine Mischung. Eben gerade, weil es Jung und Alt zusammenbringt. Einerseits ist es gut für die Umwelt, und im Rahmenprogramm versucht man eben kulturell ein bisschen was aufs Feld zu setzen, auch als Alternative zu dem, was in der Stadt normalerweise so passiert.

Welche Reaktionen ruft dieser Impuls hervor?
Die einheimische Bevölkerung findet das natürlich gut. Es kommen immer mehr und auch verschiedenere Menschen dazu, die mithelfen, Mülltüten an die Sammelpunkte bringen, Kuchen backen. Am wichtigsten aber ist vielleicht, dass wir jetzt auch kleines Team sind und mit dem Projekt verstärkt in die Schulen reinkommen. Es sind schon mehr Schüler bei der Aktion mit dabei, und sie wird auch in den Schulen kommuniziert, aber ich hätte gern, dass es so eine offizielle Schulveranstaltung wird, dass jede Schule in ihrem Umkreis einfach mal saubermacht. Es hat sich auch im Gespräch mit den Schülern gezeigt, dass die das schon cool finden. Klar, am Anfang maulen die auch: »Och, jetzt muss ich hier die McDonald’s-Tüten und Zigarettenkippen von irgendwelchen Leuten aufheben …« Aber da entwicklt sich so ein Ehrgeiz innerhalb einer halben Stunde, jeder will dann saubermachen!

Eigendynamik!
Jaja, da entwickelt sich auch eine Eigendynmik. Im Mai war jetzt zum Beispiel eine Auerbacher Schule mit 42 Schülern dabei, dort wurde das vom Schülerrat kommuniziert. Es heißt zwar immer, mit diesem Umweltgequatsche bei den Schülern zu landen geht gar nicht, aber ich finde, das geht doch. Es muss dann halt nur vielleicht auch mal noch der Direktor seinen Stempel draufsetzen und sagen: »Gut, dafür gibt es jetzt zwei Stunden Mathe frei.« Und man sieht ja, dass Schüler mitmachen, das Projekt unterstützen. So kommen jedes Jahr immer wieder neue Aspekte hinzu.

Woran arbeitest du aktuell?
Ein paar Sachen fertigschneiden. Und dann gibt es da noch ein Projekt in Südafrika über einen 11-jährigen Jungen, der in schwierigen Verhältnissen lebt und einen passionierten Skateboarder kennt, der dort vor einigen Jahren ein Skate-Camp eröffnet hat, um jungen Leuten eine Perspektive zu bieten.

Das ist aber keine Auftragsarbeit, oder?
Nein, für dieses Jahr habe ich eigentlich genug gearbeitet. Also ich weiß, wieviel ich zum Leben brauche – das ist nicht so viel – und wenn ich das verdient habe, dann bin ich relativ entspannt und konzentriere mich mehr auf mein Leben. Das ist auch eine Form von Freiheit.

Vielen Dank für das Gespräch!

INTERVIEW & TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: BERTRAM BECHER, MARTIN STEPANEK, DOMINIK WOLF