Rock’n’Roll, Baby!

Wie schnell die Zeit verrinnt. Drei Tage vor Silvester hat es Lemmy dahingerafft. Für mich die Personifizierung der Rockmusik schlechthin, eine Ikone, zeitlebens und jetzt posthum unerreicht, obgleich Andere materiell erfolgreicher gewesen sein mögen. Die Young-Brüder aus Down Under, zum Beispiel. In Mister Kilmister fließt einfach alles perfekt zusammen, der unerbittliche 4/4-Takt, der Whisky-Sound, das Backstage-Mysterium, die Unbeugsamkeit, die Herrschaft des Bass. Und was dabei herauskommt, heißt so, wie es aussieht und sich anhört: Motörhead. Zwei Wochen später scheidet auch David Bowie, der begnadete Exzentriker, aus seinem Wirken als irdischer Rock- und Popstar. Kein Wunder: Die Großen, die Giganten, sie haben alle schon graue Haare. Aber ihr Geist weht nach wie vor dermaßen frisch und laut durch die Konzertstuben, das man jedes Mal weinen möchte vor Glückseligkeit, wenn sich wieder eine brettharte Gitarrenwand vor dem Trommelfell aufbaut.

Es ist Zeit, ein paar Takte zur Rockmusik zu verlieren. Das beginnt schon damit, dass diese Zeilen auf geweihter Erde entstehen. Genau hier, wo jetzt mein Schreibtisch steht, probte Anfang der 90er Jahre schon eine Plauener Rockformation namens Dynamic Front, die sich später in Von Den Ketten umbenannte und zu den Mitbegründern eines deutschsprachigen Subgenres der Rockmusik zählte, das mit Rammstein seine größten Helden hervorbringen sollte. Die schrägen Wände des kleinen Dachstübchens waren schwarz gestrichen, eine Etage tiefer tagte die Entourage im »Rockinger« – eine dieser legendären Szenekneipen der Nachwendezeit, in denen Eltern jene mythischen Entgleisungen feierten, vor denen sie heute ihre Kinder warnen. Beziehungsweise ihre Enkel. Der Name war Programm.

Vom »Rockinger« aus führten schon damals viele Direktverbindungen ins Obere Vogtland, das damals noch sein eigenes Kfz-Kennzeichen hatte und mindestens so viele Bands wie Gartensparten. Oelsnitz, Adorf, Markneukirchen – Heavy Metal überall. In der Musikhalle Markneukirchen etwa sahen sich vielleicht 100 Leute das Konzert einer neuen Band an, die auf Deutsch sang und elektronische Klänge nutzte: Rammstein. Man war sich nicht sicher, ob die sich durchsetzen würden. Zumal eine andere Formation – Think About Mutation – das gleiche Experiment mit deutlich mehr Verve anging und in der regionalen Gunst deutlich höher stand. Aber so ist das in der Musik: nichts wirklich vorhersehbar. Das wird es erst, wenn nach Abschluss der Kreativphase das Business übernimmt.

Vom Output der 90er Jahre jedenfalls zehren die ewigen Rocker noch heute, manche, nur wenige haben musikalisch überlebt, keiner ist in den Olymp aufgestiegen. Handgemacht und ehrlich, ein Credo, das es traditionell schwer hat in den Charts – davon aber gab es hier wenigstens große Vielfalt zu bestaunen. Und es riecht, so ein bisschen, nach Revival: Der Rock’n’Roll der amerikanischen 50er und 60er beflügelt jüngst wieder einen ganzen Lifestyle-Trend. Rockabillys mit Haartolle und derber Mechaniker-Jeans sitzen neben Sugar Candy Girls im Petticoat und lassen sich ihre Burger im Diner schmecken, und ja, sie tanzen auch wieder Jive und Boogie-Woogie. Verwegene Typen mit Brille und Gründerväter-Bart, die tagsüber alte Plymouths und Chevrolets aus Übersee zusammenschrauben und abends in der Garage mit freiem Oberkörper zu den Riffs ihrer Szene-Helden schwitzen, während draußen altes Holz aus Feuerfässern qualmt. Immerhin, das ist der Ursprung der Rockmusik. Aber er greift nicht auf die Masse über, die Retro-Rocker bleiben unter sich, sie pflegen Qualität, nicht Quantität.

Mit diesem Motto halten sie es auch in »Markneiklingebach«, im Musikwinkel des Vierlands, im »Musicon Valley«. Das kunstvolle Handwerk des Instrumentenbaus haben ja in nicht allzu grauer Vorzeit einige Glaubens- und Wirtschaftsflüchtlinge eingeschleppt – und man kann gar nicht müde werden, das den selbsternannten »Heimatschutzbrigaden« des besorgten Bürgertums immer wieder unter die Nase zu reiben, wenn sie vom Schusswaffengebrauch an Grenzzäunen träumen. Von Klingenthal und Markneukirchen aus hat es sich aufs internationale Parkett vorgearbeitet. Die Gitarrenbauer sind nur eine Sparte, aber vielleicht die mit dem größten Anteil Ruhm. Framus und viel mehr noch Warwick, ein Betrieb von Weltformat. Daneben aber auch manch stiller Meister, den es nicht zu expandieren trachtet, der einfach nur weiter seine erstklassigen Instrumente bauen will, nach denen sich kundige Künstler alle zehn Finger lecken. Sie alle sind der Grund dafür, dass internationale Stars hier in der Pampa heimlich ein- und ausgehen. Dabei lassen sie durchaus manche Expertentipps fallen, geben mal ein Stündchen praktische Nachhilfe oder auch gleich ein ganzes Konzert. Und darüber könnte man unzählige Geschichten erzählen. Das wird auch noch Stoff für ebenso viele weitere Geschichten in der Zukunft liefern. Vielleicht geben wir irgendwann die eine oder andere noch zum Besten, vielleicht aber auch nicht. Denn so ist es nun mal: Rock’n’Roll, Baby!

TEXT: MARKUS SCHNEIDER & TOMÁŠ KÁBRT