Schloss Netzschkau: Wo einst der schillernde »Krösus« wohnte

1492 war ein bedeutendes Jahr in der Menschheitsgeschichte: Auf der iberischen Halbinsel endet die 800-jährige muslimische Herrschaft. Ferdinand II. und Isabella I. übernehmen das Zepter. Kolumbus entdeckt Amerika, das heißt zuerst die Bahamas – mit den Schiffen, die ihm Ferdinand und Isabella zur Verfügung stellten. Der Rechenkünstler Adam Ries wird geboren, Lorenzo I. de Medici stirbt. Und im kleinen Ort Netzschkau wird ein Schloss gebaut.

Bauherr Caspar von Metzsch geht mit diesem Bauwerk in die vogtländische und sächsische Geschichte ein, denn Schloss Netzschkau gilt als eines der ersten sächsischen Wohnschlösser überhaupt. Es steht am Übergang der Spätgotik zur Renaissance, vom Mittelalter zur Neuzeit. Sein Erbauer soll ein Schüler des Arno von Westfalen von der Albrechtsburg zu Meißen gewesen sein.

So richtig reich waren sie nie, die Herren von Netzschkau, auch wenn Ausgrabungen Reste von für die Zeit eher seltenem Glas und Porzellan zutage förderten. Für Freunde des Historischen, des Ursprünglichen ist das jedoch ein Glücksfall. Sie finden in dem historischen Gemäuer vor allem Zeugnisse aus der Bauzeit und der Umgestaltung um 1626. Damals kam mit Carol von Bose (1596 bis 1657) der wohlhabendste Besitzer nach Netzschkau. Aus Süddeutschland hatte er seine Frau Maria von Wambolt mitgebracht, der er schon auf dem Weg nach Frankreich die Ehe versprochen haben soll. Auf dem Rückweg löste er das Versprechen ein. Für sie und die gemeinsame Familie wurde angebaut. Der Rechteckbau mit den beiden vorgesetzten Türmen, der mit seinen engen Aufgängen an wehrhafte Burgen erinnert, erhielt zwei Flügel und eine Schlosskapelle. Übrig geblieben ist nur das Gebäude, für dessen Bau 1491 riesige Bäume geschlagen wurden. Dicke Balken zeugen davon. Wer sich im Erdgeschoss aufmerksam umschaut, sieht die Löcher, die zur Erforschung des Alters in das Holz gebohrt wurden. Dendrochronologisches Verfahren nennt man den Vergleich mit registrierten Jahresringen zur Feststellung der Jahreszahl für den Holzeinschlag.

Doch das Schloss Netzschkau als museale Einrichtung hat viel mehr zu bieten als alte Balken mit Bohrlöchern. Besucher betreten das Gebäude durch den Dienstboteneingang. Die herrschaftliche Tür öffnet sich nur bei Hochzeiten oder besonderen Veranstaltungen. Wenn die Pforte passiert ist, sind Sie schon mittendrin im Museum. Im Erdgeschoss finden Sie die früheren Wirtschaftsräume. Im ersten Obergeschoss wurde einst gefeiert. Der Saal erinnert daran. Darüber waren Wohnräume angeordnet. Ein Teil dieser Räumlichkeiten beherbergt die Dauerausstellung zur Schlossgeschichte. Sie ist den hauptsächlichen Besitzern gewidmet: Der Familie Metzsch als Erbauer, der Familie Bose, die einen wesentlichen Anteil am Umbau und der Erweiterung hatte, der Familie Schönburg-Glauchau, der das Schlossensemble den Schlosspark im englischen Stil zu verdanken hat. Nach dem Tod der letzten Gräfin hat die Stadt Netzschkau das Schloss 1944 von den Erben erworben. Diesem Umstand verdankt es die Verschonung nach 1945. Zwar ging trotzdem vieles verloren und die beiden 1626 angebauten Flügel mussten wegen Baufälligkeit abgerissen werden, doch die vielerorts betriebenen Plünderungen und Zerstörungen blieben aus.

CAROL VON BOSE
(1596 BIS 1657

4 Frauen, 13 Kinder

Besitz u.a. in Netzschkau, Mylau, Lengenfeld, Weißensand, Noßwitz, Coschütz, Elsterberg, Schneckengrün, Limbach, Christgrün, Lauterbach, Zwickau, Crimmitschau, Langenhessen, Schweinsburg, Dresden sowie in Thüringen und Sachsen/Anhalt

Verdienste in Netzschkau: zweiflügliger Anbau an das Schloss, Modernisierung im Inneren mit großflächigen Beispielen des ersten sächsischen Stempelstucks, erste Kapelle und Änderung des Kirchensprengels, erste Schule

Sohn Carl Gottfried brachte Netzschkau das Stadtrecht (1687)

Im Prinzip hat es die schon. Nicht zuletzt der Kielsteinschen Bemühungen wegen erfährt Henry van de Velde post mortem immer stärker die Beachtung, die ihm zu Lebzeiten in vielerlei Hinsicht versagt blieb. In Haus Schulenburg ist eine weltweit bedeutende Sammlung seiner Buchgestaltungen entstanden, Museen fragen nach bestimmten Exponaten, internationale Kunstexperten nehmen Kontakt auf. 2012 erhielten die Retter von Haus Schulenburg den Thüringer Denkmalschutzpreis. Das Van-de-Velde-Jahr 2013, anlässlich des 150. Geburtstages des vielseitigen und schaffenskräftigen Künstlers, war touristisch ein voller Erfolg. Im Garten erklärt Volker Kielstein – »wir waren 2007 auch BuGa-Begleitobjekt« – die starken japanischen Einflüsse, die Geometrie, die Dominanz der klaren Linien. »Und hier dieser Pergolagang führt zu einem ehemaligen Teehäuschen, da war zu DDR-Zeiten eine Trafostation eingebaut. Die originale Tür befindet sich dafür in einer Garage in Scheubengrobsdorf – aber wir kriegen sie wieder.« Nur noch einige wenige solcher Kleinigkeiten, dann ist das Gesamtkunstwerk tatsächlich fertig. Ein Lebenswerk? »Aber nein«, wiegelt Kielstein ab, präsentiert die hochwertigen Broschuren »100 Jahre Haus Schulenburg« und »Lebensläufe der Henry van de Velde Möbel aus dem Haus Schulenburg« mit ausführlichen fotodokumentarischen Erläuterungen, die ersten beiden Ausgaben der Schriftenreihe des Museums, und lenkt das Gespräch auf die inhaltlichen Besonderheiten der nächsten Ausstellung. Dann verabschiedet er sich, sein Bruder erwartet ihn zum Geburtstagskaffee. Man möchte ihm wünschen, er könnte dafür in Schulenburgs geliebten Maybach steigen.

In der Ausstellung erfährt man einiges zum früheren Rittergut, das den Bewohnern von landwirtschaftlichen Produkten bis zum selbst gebrauten Bier alles bot. Carol Bose war zu seiner Zeit eine der schillerndsten Figuren der Region und wurde »Krösus des Vogtlandes« genannt. Am Sächsischen Hof unter dem Kurfürsten Johann Georg I. spielte er eine nicht unbedeutende Rolle. Als Obrist zu Fuß und zu Ross befehligte er im 30-jährigen Krieg je ein Regiment und hatte damit Befehlsgewalt über 1900 Mann Infanterie und 1200 Reiter. Nachgewiesen sind die Teilnahme an den Schlachten bei Breitenfeld, Alte Veste, Lützen, Liegnitz, Magdeburg und an anderen Orten. Im November 1632 könnten seine Truppen bei Lützen in Sachsen/Anhalt, im Oktober 1633 in Steinau nahe Liegnitz/Legnica in Schlesien mit Wallenstein zusammengetroffen sein. Die Ausstellung zeigt ihn selbst, seine Besitztümer, seinen Stammbaum.

Die Galerie im zweiten Obergeschoss ist für Sonderausstellungen zu heimatgeschichtlichen oder künstlerischen Themen reserviert. Im Zusammenhang mit den KrimiLiteraturTagen Vogtland werden gern Bezüge zur Literatur hergestellt. Kunstausstellungen mit Werken von Kurt oder Baldur Geipel sowie Manfred Feiler lockten viele Besucher an. Seit 1998 kümmert sich der Förderverein Schloss Netzschkau e. V. um die Betreibung des Schlosses.

Mit dem Fechtboden und dem darüber liegenden Boden verbinden manche verklärt-romantische Vorstellungen von kämpfenden Rittern und schmachtenden Prinzessinnen. Und vom Schlossgespenst. Das tritt jedoch nur bei besonderen Veranstaltungen in Erscheinung und sitzt dann meist in der für damalige Zeiten hochmodernen Dreisitzer-Toilettenanlage. »Nicht mal hier hat man seine Ruhe«, erschreckt es gern die neugierigen Besucher, wenn sie die Tür öffnen.

TEXT: PETRA STEPS
FOTOS: CARSTEN STEP