Sommerpalais, Greiz

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie einem der zahllosen Heinriche das Herz aufgegangen sein muss, wenn er mit einem guten alten Buch in der Hand an die rückwärtigen Fenster trat, den Blick auf dem weitläufigen Park ruhend, tief in Kontemplation versunken. Für einen die Ewigkeit streifenden Moment aller weltlichen Geschäfte entrückt, die sich in den Vorzimmern der Beletage um Beachtung drängen mochten. Es ist ein Blick in die glanzvolle Vergangenheit des Fürstenhauses Reuß, die nicht nur in Greiz, vor allem aber dort allgegenwärtig ist. Und die sich, fast ein wenig unvermutet, bei diesem Blick gegen Morgen aus der Bibliothek des Sommerpalais in schier unfassbarer natürlicher Schlichtheit offenbart.

Dennoch: Für seine großartige Aussicht auf den üppigen Park ist das Sommerpalais nicht bekannt. Das frühklassizistische Gebäude beherbergt wesentlich bedeutsamere, ganz materielle Schätze – die Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz mit dem Satiricum. Und daraus ergibt sich ein ganz wunderbares Spannungsfeld, die feudale Pracht einerseits und die feine, kluge, scharfe Ironie andererseits, in dem sich auch die Direktorin des Hauses längst häuslich eingerichtet hat und virtuos zu bewegen weiß. Eva-Maria von Máriássy gewährt uns einen kurzen Rundgang, während die Kunsthandwerker noch die letzten Spuren der Hochwasserschäden aus dem Vorjahr beseitigen. Das Sommerpalais atmet Geschichte, begründet 1769 vom damaligen Grafen und späteren Fürsten Heinrich XI. Reuß Älterer Linie – und beim Gang über den frisch restaurierten Terrazzo will sie der neugierigen Nase ganz besonders schwer erscheinen – doch aus dem Gartensaal weht schon der leichte Duft jenes nie enden wollenden Fürstensommers wieder durch die Fluchten, den die malerische Außenansicht bereits verheißt.

»Maison de belle retraite« hat der weltoffene, für Wissenschaft und Kunst aufgeschlossene Bauherr in der Giebelinschrift die Um- und Nachwelt wissen lassen, dass dies das Haus des schönen Refugiums sei. Hier lebten und regierten die Reußen-Fürsten des Sommers über, bis 1918 die Revolution ihrer Herrschaft ein Ende setzte. Möbel und Hausrat haben die ausziehenden Heinrichinger mitgenommen, das ist ein bisschen schade, ihre Kunstsammlung aber dagelassen, und das ist sehr erfreulich. Diesem Umstand nämlich ist es zu verdanken, dass die in Stein geschlagene Inschrift sowohl innerlich als auch äußerlich noch ihre volle Gültigkeit besitzt. Und es nähme gewiss nicht wunder, würde es einst an einem lauen Juliabend im Antlitz des Sommerpalais jemandem in den Sinn gekommen sein, Greiz fortan die »Perle des Vogtlands« zu heißen.

Kupferstichsammlung

Stammt in ihrem wertvollsten Teil aus dem Nachlass der englischen Prinzessin Elizabeth (1770–1840), vererbt an Fürstin Caroline Reuß Älterer Linie und somit 1848 nach Greiz gelangt. Unter den tausenden Kupferstichen ist insbesondere eine große Anzahl englischer Schabkunstblätter hervorzuheben, davon mehr als 600 nach Bildnissen Joshua Reynolds, des Hauptmeisters der englischen Porträtkunst des 18. Jahrhunderts. Hinzu kommen zahlreiche englische, französische, niederländische und deutsche Druckgraphiken unterschiedlicher Techniken.

4-4_no2_sommerpalais_7

Bibliothek

Die fürstliche Büchersammlung ist in ihren wesentlichen Beständen eine planmäßige Gründung des Grafen Heinrich XI. aus der Zeit um 1747. Im späten 18. Jahrhundert kamen Schriften zur Französischen Revolution hinzu.1921 und 1922 wurde die Greizer Sammlung mit einem größeren Teil des Altbestands der Bibliothek des Geraer Fürstlichen Gymnasiums Rutheneum vereinigt und damit um eine beachtliche Anzahl bedeutender humanistischer Texte antiker Autoren aus der Frühzeit des Buchdrucks bereichert. Heute umfasst der Bestand der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung etwa 35.000 Bände des 16. bis 21. Jahrhunderts.

Satiricum

Das Satiricum Greiz wurde im Jahre 1975 als nationale Karikaturensammlung der DDR und eigenständige Abteilung des Museums eingerichtet. Die Sammlung stützt sich auf einen reichen musealen Fundus an historischen Karikaturen des 17. bis 19. Jahrhunderts aus zumeist fürstlichem Besitz. Von 1975 bis 1990 wurden planmäßig künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten von Karikaturisten und Pressezeichnern der DDR erworben. Die in diesem Zeitraum entstandene Spezialsammlung mit ca. 10.000 Blatt stellt heute einen hervorragenden satirischen Bilderfundus zur DDR-Zeitgeschichte dar. Nach 1990 wurde die Sammeltätigkeit auf den gesamten deutschsprachigen Raum ausgeweitet, wobei die Karikatur im Osten Deutschlands weiterhin einen Schwerpunkt bildet.

»Immer wieder Sonntag ...«

1524 erschien mit Martin Luthers »Achtliederbuch« eine der ersten kirchlichen Liedersammlungen für den Gemeindegesang. Die in Kooperation mit dem Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz erarbeitete Ausstellung zeichnet die fast 500-jährige Entwicklungsgeschichte des Gesangsbuchs nach. Präsentiert werden vom 11. Oktober bis 1. Februar Exponate aus dem Bestand des Sommerpalais sowie Leihgaben weiterer Sammlungen, darunter seltene Ausgaben Greizer Gesangbücher.

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: CHRISTIAN FREUND