Steffen Kollwitz: »Wir wollten den Betrug endlich beweisen!«

Samstag, der 3. Mai 2014: Der Plauener Goldschmiedemeister Steffen Kollwitz sitzt im Berliner Bundeskanzleramt und wartet auf die mächtigste Frau Deutschlands – Angela Merkel, um ein Interview mit ihr zu führen. Die Fragen, die sich vor allem auf die Geschehnisse von 1989 beziehen, hat er sich allesamt selbst ausgedacht. »Sie hat mich mit einem sehr energischen Händedruck begrüßt, dann ging alles ganz schnell – in fünf Minuten war es bereits wieder vorbei«, erinnert sich Steffen Kollwitz und seine Mundwinkel zucken in Andeutung eines Lächelns.

Das Zusammentreffen mit der Bundeskanzlerin ist die wohl bisher größte Ehre für Kollwitz, der bei den DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 auf Eigeninitiative als Wahlbeobachter tätig war. Der Entschluss, endlich etwas unternehmen zu müssen, war lange gereift. Im Laufe der 80er Jahre wurde es immer offenkundiger, dass die extremen Wahlerfolge der SED mit der zunehmend ablehnenden Haltung der Bevölkerung nicht mehr zusammenpassten. »Wir wollten den Betrug endlich beweisen!«, stößt Kollwitz energisch hervor. Dabei wird ein flacher Ohrstecker an seinem linken Ohr sichtbar – mattes, schon fast verblasstes Gold. Ein unauffälliges Schmuckstück, dessen Wert der Betrachter nicht greifen kann und das symptomatisch für seinen Träger steht, der in den Wendejahren viel bewegte, seine Rolle jedoch nicht in den Vordergrund drängt. Immer wieder hebt er hervor, dass er nur einer unter vielen war, spricht stets von sich und seinen Freunden aus der Markuskirche. »Allein in der Jungen Gemeinde hatte ich Gelegenheit, mich mit anderen offen über die herrschende Situation auszutauschen«, sagte Kollwitz und erklärt, dass man zwar am Ende nicht mehr gewusst habe, wer eigentlich die Idee zur Beobachtung der Stimmzettelauszählung hatte, die Initiative aber sei maßgeblich von dem ehemaligen Plauener Maler und Galeristen Klaus Hopf ausgegangen.

ZUR PERSON:
STEFFEN KOLLWITZ

1964 geboren

1981 Schulabschluss und Eintritt in die Lehre als Goldschmied

1989 Erlangung des Meistertitels im Goldschmiedehandwerk

1989 Mitgründer des Neuen Forums Plauen

seit 1992 Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen

1994 – 1999 Stadtrat in Plauen

2001 Übernahme des Goldschmiedebetriebs von seinen Eltern

2009 Verleihung des Sächsischen Verdienstordens

Während er spricht, greift Kollwitz immer wieder nach einem der herumliegenden Werkzeuge, die auf dem über hundert Jahre alten Tisch in seiner kleinen Goldschmiedewerkstatt liegen, und wendet es nervös in den Händen. »Natürlich hatten wir Angst, wir wussten ja nicht, was passieren würde«, erzählt Kollwitz und schiebt hinterher, dass die Sache an sich legal gewesen sei, nur eben nicht dem Normverhalten entsprach. Ebenso wenig normal war im Übrigen das Benutzen der Wahlkabinen – es galt als offener Protest. Um seine Zustimmung zu bekunden, musste man den Stimmzettel lediglich falten und in die Urne stecken. »Ich hatte weiche Knie, als ich das erste Mal die Kabine betrat«, offenbart Kollwitz und bringt erneut seine Angst von damals zum Ausdruck. Doch sie ist stets nur eine unangenehme Begleiterscheinung geblieben, aufgehalten hat sie ihn nie. Ein Grund dafür war wohl auch die besondere Ausgangssituation, in der sich Steffen Kollwitz befand. Viele, die mit dem Gedanken spielten, sich gegen das Regime aufzulehnen, fürchteten betriebliche und arbeitsrechtliche Konsequenzen. Nahezu alle Wirtschaftszweige in der DDR befanden sich in staatlicher Hand und wer unangenehm auffiel, verlor oftmals seinen Arbeitsplatz. Kollwitz jedoch war in der Goldschmiede seiner Eltern beschäftigt. »Früher hatten wir das Ladengeschäft schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite«, erzählt er und deutet aus dem Fenster. Das sanfte orangefarbene Licht der Straßenlaterne beleuchtet eine unscheinbare Häuserfront im Plauener Stadtteil Haselbrunn. Generell ist es sehr ruhig hier, nur vorhin hat das Läuten der Türglocke das Gespräch unterbrochen. Eine Frau auf der Suche nach einer neuen Goldkette für ihren Mann. Als sie das Geschäft verlässt, sagt Kollwitz: »Es ist selten, dass jemand noch um diese Uhrzeit vorbeikommt.« – es ist halb sechs am Abend.

»Meine Eltern haben viele Jahre berufsfremd gearbeitet«, erinnert er sich. In den 70ern merkte das DDR-Regime, dass ein Auskommen ganz ohne private Handwerksbetriebe nicht möglich war. Die Eltern ergriffen ihre Chance und machten sich selbstständig. Für ihren Sohn hat es Zeit seines Lebens keine Alternative zum Goldschmied gegeben. Bereits in seiner Jugend war er oft in der elterlichen Werkstatt und entdeckte seine Leidenschaft für das anspruchsvolle Gewerke. Zudem war der Gedanke, in einem selbstständigen Betrieb arbeiten zu können, mehr als verlockend. Natürlich wurde auch er bespitzelt, doch da die Stasi keine wirkliche Handhabe gegen ihn hatte, konnte sich Steffen Kollwitz sehr viel freier bewegen als viele seiner Freunde. Während er sich an die Erlebnisse des 7. Mai erinnert, wird Kollwitz zunehmend ruhiger, sein Blick fokussierter. Der Pinsel, der zuvor durch seine Hände gewandert war, liegt wieder auf dem Tisch. Etwa 60 Personen hatten sie überzeugen können, sich an der Stimmzettelauszählung zu beteiligen. Etliche Zweierteams wurden gebildet und 42 der insgesamt 99 Plauener Wahllokale besetzt. Erfasst werden sollte die Anzahl der abgegebenen Stimmen und der Gegenstimmen. »Die Wahlvorstände waren sehr überrascht, dass jemand zur Auszählung kam, mancher war verunsichert«, erinnert sich Kollwitz. Er sei aber davon überzeugt, dass das Personal seine Arbeit ordentlich und gewissenhaft erledigt habe. Schließlich ergaben die Aufzeichnungen eine Wahlbeteiligung von 90% und durchschnittlich 9% Gegenstimmen – ein desaströses Ergebnis für damalige Verhältnisse. Offiziell war schließlich von 3,7 % Gegenstimmen die Rede. Für die Gruppe um Steffen Kollwitz zumindest ein kleiner Erfolg. »Man war aber doch so wütend, weil man spätestens ab jetzt wirklich wusste, dass man belogen wurde!«, bringt er seine Emotionen energisch auf den Punkt. Zu noch mehr Frust führte in den folgenden Wochen die Einsicht, dass man von den oberen Stellen nicht ernst genommen wurde. Sie schrieben Eingaben gegen das Ergebnis, verlangten einen Termin beim Oberbürgermeister. Man vertröstete sie solange, bis die Wahl in der ersten Stadtverordnetenversammlung einstimmig angenommen war. »Was wollen Sie eigentlich, die Wahl ist doch gültig?«, wurden Kollwitz und seine Freunde gefragt, als man sie schließlich zum Bürgermeister vorließ.

Seinen Triumph konnte er sozusagen knapp ein Jahr später feiern, als er bei den Kommunalwahlen im März 1990 als Wahlleiter eingesetzt wurde. »Es war ziemlich lustig, denn plötzlich mussten dich die Leute ernst nehmen. Es waren ja zum größten Teil dieselben Offiziellen«, erzählt Kollwitz und lächelt spitzbübisch bei der Erinnerung daran. Von 1994 bis 1999 saß er im Plauener Stadtrat für die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. »Es ging manchmal zu, wie in einem kleinen Verein. Wie die Leute miteinander redeten – unglaublich!«, sagt er über diese Zeit. Man merkt, Steffen Kollwitz ist keiner, der den offenen Konflikt sucht. Das wird auch daran deutlich, dass er sich als jetziger Schatzmeister beim Ortsverband der Grünen eher aus wichtigen Vorstandentscheidungen heraushält. Allein wichtig zu sein scheint ihm, dass die Menschen ihre politische Verantwortung wahrnehmen und wählen gehen. Das ist es, wofür er gekämpft hat – und seine Frustration über die Scharen an Nichtwählern ist nahezu greifbar: »Solange es den Leuten einigermaßen gut geht, interessieren sich viele nur für ihre Privatangelegenheiten – das war damals schon so und ist es auch heute noch!«

Wer weiß, vielleicht hätte Kollwitz auf der politischen Bühne Karriere machen können, doch er ist lieber sich und seinem Handwerk stets treu geblieben. 2001 übernahm er das kleine Geschäft von den Eltern, die sich zur Ruhe gesetzt hatten, und konzentriert sich seither ganz und gar auf seinen Beruf als Goldschmied. Neben normaler Handelsware finden sich in den Glasvitrinen zahlreiche Eigenkreationen, vor allem bei Ringen und Kettenanhängern lässt er seiner Kreativität freien Lauf. Seine Kunst ist bodenständig, so wie er selbst. Häufig ziert das Motiv eines Baumes die Schmuckstücke. Es spiegelt nicht nur Kollwitz’ tiefe Verbundenheit zur Natur wider, es erinnert gewissermaßen auch an die desaströse Umweltpolitik der DDR – ebenfalls ein Thema, das ihn sehr bewegt – und kann gut und gern als Sinnbild der Hoffnung stehen.

TEXT & FOTO: CHRISTIANE FISCHER