Vogtlandhalle, Greiz: Ein Leben für ein Theater

VENUES IM VIERLAND

Es gibt prinzipiell zwei Wege, ein Venue, also einen (festen) Austragungsort für Veranstaltungen aufzubauen: Man plant den großen Wurf von langer Hand oder man entwickelt sich eher zufällig dahin. Beides hat so seinen Reiz, beides auch sein Risiko. Manchmal liegt die Wahrheit der Geschichte auch irgendwo dazwischen. Und immer ist es spannend. Wieso funktioniert eine große Halle und eine andere nicht? Wie hält man ein solches Lokal am Laufen? Diese und andere Fragen wollen wir in unserer neuen Serie beantworten, die die wichtigsten und beachtenswertesten Venues im Vierland vorstellt.

Der Anfang des Jahres 2011 war ein aufregender, nicht nur, aber ganz gewiss für Undine Hohmuth. Er bescherte der Kulturwissenschaftlerin aus Greiz manch schlaflose Nacht, mal vor lauter Vorfreude, dann wieder aus Furcht, etwas könne nicht funktionieren wie geplant. Kaum 3 Monate waren ihr geblieben, nach Abschluss der über 2 Jahre währenden Bauarbeiten vom alten ins neue Haus zu ziehen, sich mit der Technik vertraut zu machen. Hohmuth, seit ihrer Jugend tief im Theater der Heimatstadt verwurzelt, sollte fortan auch das Schicksal der Vogtlandhalle verantworten. Ein 19 Millionen Euro teurer ambitionierter Multifunktionsbau mit allen Raffinessen, ein weiterer Motor zum Heben von Bekanntheit und Image der »Perle des Vogtlands«. Und jedenfalls, da ist sie sich sicher, die »richtige Entscheidung für den Standort«.

Die Ursprünge liegen inzwischen weit über 100 Jahre zurück. Es war der »Theaterverein für Greiz und Umgegend«, welcher der durch die Weiße Elster zerschnittenen Fürstenstadt im Reußenlande im Jahr 1899 die erste Spielzeit verschaffte, im Saal des zu seiner Zeit noch als Gaststätte geführten »Tivoli« mit Gastspielen verschiedener Bühnen aus der Region. Vom Krieg glücklicherweise verschont, nahm das Theater 1945 den Betrieb wieder auf und wurde kurz darauf als erste Kultureinrichtung in Thüringen zum »Stadttheater Greiz – Theater der Deutschen Volksbühne«. Sechs Jahre später schrieb es bereits Theatergeschichte mit der deutschen Erstaufführung von Brechts »Antigone des Sophokles«. Bis 1963 war das Haus nun als 3-Sparten-Theater mit eigenem Ensemble ausgestattet, wurde jedoch im Zuge einer Reform zum »Kreiskulturhaus – Theater der Stadt Greiz« gewandelt. Heute würde man Gastspielbetrieb sagen. In den Siebzigern wurden Umbau- und Rekonstruktionsarbeiten notwendig, die dem Zeitgeist folgend eher zweckdienlich ausfielen. Der neue Name fortan: »Kreiskulturhaus Deutsch-Sowjetische Freundschaft«. Die fest verbaute Reihenbestuhlung bot 500 Sitzplätze, beschränkte aber damit auch den Rahmen. Jährlich nutzten trotz allem 23.000 Besucher bzw. 42.000 Gäste die Angebote, darunter einige Vereine, welche schon zu dieser Zeit im Gebäude untergebracht waren. Die Theaterkunst genoss da schon längst keine Priorität mehr, vielmehr war die Hauptbestimmung des Hauses in »Volkskultur zur Erbauung und Unterhaltung der Werktätigen« festgeschrieben. Erst nach der politischen Wende folgte auch 1990 die inhaltliche, doch das inzwischen wieder »Theater der Stadt Greiz« benannte Gebäude blieb multifunktional. Indes gesellten sich zur fehlenden Flexibilität nun mit der Zeit zunehmend bauliche Mängel, die Fassade verfiel und immer bei Hochwasser der nahen Weißen Elster gab das aufsteigende Grundwasser dem Orchestergraben eine ganz neue, freilich unerwünschte Bedeutung des Namens.

Gutachten und Machbarkeitsstudie sprachen klar für Neubau statt Restauration. Eine Chance, mit welcher Hausleiterin Undine Hohmuth die Halle zukunftsorientiert und optimal auf alle möglichen Anforderungen bzw. Nutzungen vorbereitet wissen wollte. So erfolgte die Grundsteinlegung der Vogtlandhalle ganz in der Nähe des alten Hauses, ebenfalls an den Goethepark grenzend, erst nach fast 10-Jähriger Planung zu baulichen und technischen Notwendigkeiten sowie inhaltlicher Ausrichtung. Angefangen von einer Größe, die Veranstalter zur Wirtschaftlichkeit der Vorhaben benötigen, welche aber gleichzeitig dem Bedarf der Region mittig zwischen Gera und Zwickau mit eigenen großen Hallen nicht überdimensioniert ist. Und Optionen zu haben war zudem Vorgabe. »Es wurden unzählige modern gebaute Hallen besucht und Informationen gesammelt«, erinnert sich Hohmuth. »Was hat sich anderswo bewährt? Wo liegen die Tücken? Welche Fehler sind schon in der Theorie zu vermeiden und welche Einbauten bringen noch mehr Möglichkeiten für die Nutzung mit sich? So flossen die Erfahrungen etlicher Theater, Veranstaltungs- und Konzerthallen in die Konzeption ein.« Zum Beispiel der in 10-Zentimeter-Schritten höhenverstellbare, in viele Glieder zu je einer Sitzreihe unterteilte Boden des großen Konzertsaals mit absenkbarem Orchestergraben oder ebenerdiger Bühne. So wird der Raum wahlweise zum Kino mit durchgehend schräger Tribüne für maximal 800 Stühle, zum Theater mit verstecktem Orchester, zum für Galadinner eingedeckten Bankettsaal oder einer riesigen, 1.200 Besucher fassenden Tanzfläche. Selbstverständlich sorgen die mit amerikanischem Nussbaumholz vertäfelten Akustikwände in jeder Situation für die perfekte Verteilung des Sounds aus der modernen Beschallungstechnik, auf Wunsch kann der Raum dank elektro-akustischer Nachhallsimulation außerdem nach jedem beliebigen Ort klingen. Nach einer Kirche zum Beispiel. Eine weitere, für Kleinkunst, Mediavorträge und Proben gedachte Studiobühne im Stil eines Amphitheaters bietet 150 feste Sitzplätze. Hier proben viele Vereine, einige davon sind direkt mit im Haus ansässig. Ein weiterer wichtiger Punkt des Konzepts der neuen Halle war es schließlich, die soziokulturelle Aufgabe wie schon im alten Gebäude durch reges Vereinsleben mit umzuziehen. So steht den Tanzgruppen der Musikschule oder den Eiskunstläufern auch ein Ballettsaal in der oberen Etage des Baus zur Verfügung. Genau wie hier die Vogtland Philharmonie Greiz-Reichenbach mit Büroräumen und Orchesterproberaum in einem eigenen abgeschlossenen Bereich beheimatet ist. »Technisch gesehen ist sie zwar Mieter, auch was die deutliche Sichtbarkeit im Spielplan der Säle betrifft, darüber hinaus aber größter Partner, der von jeher allein aus Selbstverständnis einfach zum Haus gehört und natürlich auch bei der Konzeption des Gebäudes sowie der Gestaltung der Bühnen beratend einbezogen wurde.«

Das Eröffnungswochenende ab dem 18. März 2011 stieß nach 27 Monaten Bauzeit und den von Stadt, Landkreis Greiz sowie Land Thüringen investierten 19 Millionen Euro auf großes Interesse bei den Besuchern aus der gesamten Region. Nach der internen Eröffnung mit geladenen Gästen am Freitag folgten die öffentliche Übergabe am Samstag vor selbstverständlich ausverkauftem Haus und ein von mehr als 3.000 Besuchern genutzter Tag der offenen Tür am Sonntag. Über die Jahre haben sich die Besucherzahlen zwischen 65.000 und 70.000 per anno eingepegelt, dazu weitere 20.000 Gäste von Tagungen, Ausstellungen oder Proben. »Mit der Entwicklung sind wir zufrieden«, sagt Undine Hohmuth. Auch mit dem Programm der jährlich über 200 Events, welche zu 80 % von externen Veranstaltern produziert werden und für enorme Vielfalt zwischen klassischem Theater, Operetten, Konzerten, Messen, Abi-Bällen, Familienfeiern und Tanzveranstaltungen sorgen, auch für die jüngere Generation. Eigene Ideen gab und gibt es natürlich auch: Während aus der Anfrage der erfolgreichen Alternative-Rock-/Punk-Band Beatsteaks aus Berlin leider nichts wurde, zog das italienische Orchester Rondo Veneziano um seinen Maestro Gian Piero Reverberi 2015 mit deutschlandweit einem von drei Konzerten Besucher aus ganz Europa ins Vierland. »Ein absolutes Highlight der jüngsten Vergangenheit«, frohlockt die Chefin des Hauses, denn in der Regel gelten auch hier die Grenzen der Machbarkeit – ob räumliche Kapazität oder Finanzierung. Letzteres sei sowieso gerade schwierig, die Stadt Greiz bezuschusst den Kulturbetrieb zwar mit rund 1,1 Millionen jährlich, jedoch gilt nun bereits im zweiten Jahr »vorläufige Haushaltsführung«. Soll heißen: Ausgaben bitte nur für das direkte Aufrechterhalten des Betriebs. Dank des hohen Anteils von Einmietungen in der Vogtlandhalle stellt die Situation erstmal keine Gefahr für den Fortbestand des Hauses dar, aber viele Kleinigkeiten, wie etwa Verschönerungsarbeiten, hier und da ein wenig Farbe, müssen leider hinten angestellt werden.

Undine Hochmut, Leiterin Vogtlandhalle Greiz

»Mit der Entwicklung sind wir zufrieden.«

Undine Hohmuth würde solche Reparaturen natürlich gern vor Spielzeitbeginn erledigen lassen. Schon mit dem alten Theater eng verwoben, gibt sich die seit Beginn der Planung des neuen Komplexes involvierte Leiterin der Vogtlandhalle routiniert: »An der Finanzlage der Kommune kann ich nichts ändern, die Situation ist vielerorts angespannt. Da bildet Greiz wahrlich keine Ausnahme.« Ein wenig Wehmut schwingt trotz der sachlichen Einschätzung mit – ihre persönliche, herzliche Bindung zum Haus ist allgegenwertig. Die heute 59-Jährige begann direkt nach dem Abitur ein Volontariat am damaligen Theater der Stadt, schloss in 5 Jahren das Studium der Kulturwissenschaften in Leipzig ab und wurde direkt in die Heimat zurückdelegiert, was sie dankend annahm. Nach dem Einsatz im Besucherservice folgte die künstlerische Leitung und nach dem Weggang des Direktors wurde sie zur »Direktorin des Kreiskulturhauses« berufen. Von dem Posten nahm sie sich zwischenzeitlich eine Pause, begleitet ihn als Leiterin jetzt aber seit 1992 ununterbrochen und stellt mit einem Lächeln in Aussicht, dass sie sich auch nach der beruflichen Anstellung im Haus weiter nach besten Möglichkeiten, zum Beispiel im zugehörigen Förderverein, engagieren wird. Ein Leben für ein Theater.

TEXT & FOTOS: MICHAEL WEIßWANGE
AUS

#0010 / 2016