Framus & Warwick Music Hall, Markneukirchen: Wahnsinn auf 75 m²

VENUES IM VIERLAND

Es gibt prinzipiell zwei Wege, ein Venue, also einen (festen) Austragungsort für Veranstaltungen aufzubauen: Man plant den großen Wurf von langer Hand oder man entwickelt sich eher zufällig dahin. Beides hat so seinen Reiz, beides auch sein Risiko. Manchmal liegt die Wahrheit der Geschichte auch irgendwo dazwischen. Und immer ist es spannend. Wieso funktioniert eine große Halle und eine andere nicht? Wie hält man ein solches Lokal am Laufen? Diese und andere Fragen wollen wir in unserer neuen Serie beantworten, die die wichtigsten und beachtenswertesten Venues im Vierland vorstellt.

Bei Framus & Warwick hat man früher nicht über Veranstaltungen nachgedacht, zumindest keine regelmäßigen für die breitere Öffentlichkeit. Die Markneukirchener Gitarren- und Bassmanufaktur dreht ein großes Rad auf dem Weltmarkt, da denkt man über ganz andere Probleme nach. Zum Beispiel, wie das »Warwick Bass Camp« optimal rollt. Dabei handelt es sich um ein Seminar für 100 Studenten aus aller Welt, die sich für eine Woche in die Obhut ausgesuchter Dozenten begeben – zwischen 30 und 40 Weltklasse-Bassisten internationalen Ranges. Vier mal zwei Stunden im Block täglich, der Betreuungsschlüssel treibt Pädagogen und Erziehern Tränen der Rührung in die Augen. Elitentraining. Zum Abschluss wird gemeinsam musiziert. Und wenn man weiß, dass die Endorser von Warwick in ihrer normalen Arbeitszeit bei U2, Metallica oder Phil Collins auf der Bühne stehen, dann kann man sich gut vorstellen, zu welcher Jam Session eine solche kleine Kammermusik auszuarten bereit ist. Sie haben dem Event auch schon einen Namen gegeben: Reeveland Festival.

»Ursprünglich ging es also nur darum, einen Schulungsraum für das Bass Camp aufs Gelände zu stellen«, rollt Eventmanager André Czinkewitz die noch junge Geschichte der Music Hall auf. »Ein Raum auch zum Ausprobieren der Instrumente. Für die Künstler brauchst du aber auch eine Bühne, damit die Atmosphäre authentisch ist. Und natürlich eine Bar. Die Technik sollte ohnehin vom Feinsten sein, damit sich die Musiker vollständig auf ihre Instrumente konzentrieren können. Und da ist die Überlegung dann nicht mehr weit, wenn man sich schon so ein Häuschen baut, das vielleicht auch für das eine und andere öffentliche Konzert zu nutzen.«

Im September 2014 zum Reeveland Festival eröffnet, ist die Music Hall – nicht zu verwechseln mit der städtischen Musikhalle Markneukirchen – kein sonderlich großer Spot. Das, was man als Tanzfläche bezeichnen kann, umfasst etwa 75 m². 300 Leute passen rein, mehr nicht. Eigens dafür hat Czinkewitz bei Warwick angeheuert, denn dort wurde die Strategie schnell umgestellt: Die Music Hall gilt jetzt als reiner Veranstaltungsort, der regelmäßig selbst bespielt und auch vermietet wird, sie rangiert im Unternehmen als eigenes Profit Center – das heißt, sie muss sich aus ihrem Betrieb heraus selbst tragen. Darf gern Gewinn abwerfen, muss sie als Nebenschauplatz aber nicht zwingend. Und ihrem ganz ursprünglichen Zweck steht das nicht im Wege. Instrumente ausprobieren und einmal im Jahr eine Woche über die Geheimnisse des Bassspielens dozieren kann man dort immer noch vortrefflich.

Mit ein bis drei Veranstaltungen pro Woche will Czinkewitz das Programm im regionalen Event-Kalender besetzen. Das ist eine engagierte Frequenz, an der sich jüngst auch größere Diskotheken schwertun. Doch die Music Hall hat denen gegenüber einen enormen Vorteil: das Unternehmen im Rücken. »Es ist völlig klar, dass es diese Location ohne diese Firma niemals gegeben hätte«, bestätigt der Eventmanager. »Viele Leute, auch manche Veranstalter denken nun natürlich, dass wir deshalb machen können was wir wollen, weil uns das Mutterschiff sowieso subventioniert, aber das ist ein gewaltiger Irrtum. Wer die Privatwirtschaft kennt, weiß auch, dass die Vokabel Subvention dort nicht existiert. Wenn du keinen wirtschaftlichen Betrieb hinbekommst, dann ist der Laden schneller wieder zu, als du gucken kannst. Und vorher bist du deinen Job los.«

Live-Musik bildet den Schwerpunkt im Programm. Metal, Rock, auch Pop und neuerdings HipHop fährt André Czinkewitz, darunter mischen sich einige Ü30-Tanzpartys. In fernerer Zukunft vielleicht Aftershows für Konzerte in der großen Halle. »Wir müssen jetzt einfach schauen, was akzeptiert wird, was die Region verträgt, und experimentieren dafür auch ein bisschen rum.« Schon jetzt ist deutlich, wie sich das Publikum zusammensetzt. Nur etwa die Hälfte machen Einheimische aus, der andere Teil reist aus bis zu 100 km Entfernung an. Autos aus Bamberg, Chemnitz, Leipzig stehen schon regelmäßig auf dem Parkplatz, auch bereits die ersten Tschechen. Und das liegt am Inhalt. »Unser Anspruch ist, auf Coverbands komplett zu verzichten. Das würde alles nur verwässern, denn wir haben die Originale hier! Und wir wollen uns als der Hot Spot der Region schlechthin etablieren.« Da stehen dann eben Bands auf der Bühne im vogtländischen Hinterland, die normalerweise vor einer zehnfachen Menge spielen. Wie unlängst beispielsweise Nazareth. Die bucht man nicht einfach so in einen 300-Mann-Spot. Da ist das Label Warwick ganz klar der Türöffner. Und auch der Garant dafür, dass sich kein Mensch um seine Gage sorgen muss.

André Czinkewitz

»Die Anlage, die hier verbaut ist, stand vergangenes Jahr noch auf Wacken.«

»Man muss letztlich sehen, dass hier wirklich das Gesamtpaket stimmt. Die Kraft der Marke ist das eine. Allerdings bilden jene Bands und Musiker, die auch auf Instrumenten von Framus und Warwick spielen, nur noch 5 bis 10 Prozent unseres Programms. Viel entscheidender ist die Tatsache, dass es in Deutschland nur noch eine reichliche Handvoll Agenturen gibt, die große Bands vertreten. Da spricht sich sehr schnell rum, wo man spielen kann – und wo lieber nicht. Und wir werden mittlerweile von Managements angefragt, ob deren Band hier spielen darf.« Czinkewitz sagt es nicht ohne Stolz. Doch der Stolz bezieht sich nicht auf seine Person. Er bezieht sich auf die Music Hall. »Wir achten extrem auf Sound und Licht. Die Anlage, die hier verbaut ist, stand vergangenes Jahr noch auf Wacken.« Aber es ist nicht nur die Anlage. Musiker, vor allem jene, die um den Globus jetten, haben schon vieles erlebt und gesehen. In Markneukirchen aber klappt ihnen regelmäßig die Kinnlade nach unten. »Es ist wirklich Wahnsinn«, bestätigt Czinkewitz. »Was sonst für großes Shows aufwändig angemietet werden muss: CO2-Werfer, Laser, Bodennebel – alles erstklassig, alles schon installiert. Dazu kommt ein Top-Backstage, und das wissen Musiker von Rang und Format wirklich sehr zu schätzen, ein Ton- und Videostudio, Kameratechnik.« Rund eine Million Euro hat der ganze Spaß gekostet, Neubau plus Innenleben.

Es ist letztlich ein altbekanntes Rezept: Wer an der Investition nicht spart und immer wieder nachlegt, muss sich um Qualität nicht sorgen. Und wer Qualität bieten kann, kann auch gutes Geld dafür verlangen. »Unsere Veranstaltungen sind hochpreisig, natürlich. Dafür bekommen die Leute ja auch etwas geboten – nämlich nahezu Hautkontakt zu ihren Stars, von denen sie sonst mindestens durch einen Bühnengraben getrennt sind.« Manche Shows sind deshalb ruckzuck ausverkauft. Und deshalb wird gerade die große Halle auf dem Firmengelände in Stellung gebracht, wo früher der Showroom und die Hausmessen untergebracht waren. André Czinkewitz weiß noch nicht genau, wie sie heißen soll, aber auch dort wurde ständig gebaut und verbessert – und die Kapazität liegt perspektivisch bei etwa dem Vierfachen der Music Hall. Zur Premiere am 12. März, auf der Bühne steht der einstige Accept-Frontmann Udo Dirkschneider, wird zunächst die Hälfte angepeilt. »Und danach werden wir sehen, da ergeben sich wirklich viele Optionen.«

TEXT: MARKUS SCHNEIDER
FOTOS: MARKUS SCHNEIDER, FRAMUS & WARWICK MUSIC HALL