Erste Oberländische Dampfbierbrauerei, Bad Loebenstein

Das alte Kontor atmet Geschichte. Fast meint man sie wieder zu hören, die schweren Pferdefuhrwerke, die Rufe der Arbeiter, das Poltern der Fässer. Gerhard Froeb stellt eine mächtige Flasche mit Bügelverschluss auf den Tisch, Glasaufdruck statt Etikett, ein Liter Fassungsvermögen, 3 Euro Pfand. »Die Leute bringen sie mir trotzdem kaum wieder«, schmunzelt er. »Ich braue ausschließlich helles und dunkles Kellerbier, naturtrüb, unfiltriert, ohne Konservierungsstoffe.« Einzige Ausnahme sind die Saisonbiere: Das milde, leicht gehopfte Märzen und der starke, kräftige Maibock mit 16,5% Stammwürze. Nach anderthalb Jahren hatte er die Rezeptur endlich dort, wo er sie haben wollte; es ist »sein« Bier und versucht gar nicht erst, an vergangene Sorten anzuknüpfen, sie zu zitieren oder dergleichen. Obwohl es reichlich Grund dafür gäbe: Sein Urgroßvater Oskar hatte die »Erste Oberländische Dampfbierbrauerei« 1889 in Lobenstein gegründet.

Ziemlich genau 100 Jahre später aber war es um das Familienerbe gar nicht gut bestellt. Nicht nur, dass im Zuge der Zwangsverstaatlichung 1972 ein Ungetüm von Kombinat entstanden war und die Bierqualität stark unter Rohstoffmangel gelitten hatte. Mit der Grenzöffnung drangen auch plötzlich starke Marken aus dem Westen auf den Markt, denen die meisten DDR-Betriebe nichts entgegenzusetzen hatten. Froeb, der nach Ausbildung, Studium und verschiedenen Arbeitsstellen in der Republik erst Anfang der 80er Jahre in seine Heimat zurückgekehrt war, musste 1991 – inzwischen Betriebsleiter – schweren Herzens die Brauerei für immer schließen. »Die Komplexsanierung hätte 12 Millionen D-Mark gekostet«, sagt er nur. Einen Teil der 47 Mitarbeiter konnte er in sein neues Handelsgeschäft mit Getränken retten, das sich zu einer guten Rentabilität entwickelte. Zumindest solange die Discounter der Region noch fernblieben. Doch die Zeit genügte, um 1997 in Verhandlungen mit der Treuhand eintreten und das gesamte Gelände für 200.000 D-Mark zurückkaufen zu können.

Bald 20 Jahre ist das nun her. Froeb hat aus dem weitläufigen Brauereikeller ein geräumiges Jugendkulturzentrum gemacht, die Kulturbrauerei – kurz KUBRA, wo inzwischen aber nur noch vier Mal im Jahr gefeiert und getanzt wird. Und wo die jungen Leute lieber aus den kleinen 0,33er Flaschen trinken. Kein Lobensteiner. In der einstigen Braumeisterwohnung finden jetzt etwa 50 Leute Platz. »Ich öffne zur Zeit nur für geschlossene Gesellschaften«, sagt Froeb, der die Gelegenheit nicht auslässt, einen Job in Aussicht zu stellen. »Ich bin Brauer, kein Wirt. Es wäre schön, wenn sich ein Gastronom fände, der das hier betreiben will.« Es ist alles da, fix und fertig einsatzbereit. Von der Gaststube geht es durch eine gewaltige Wand hinüber ins einstige Sudhaus, das jetzt liebevoll und detailliert ausgestattet Teil der Erlebnsigastronomie ist. Viele historische Braugegenstände aus Kupfer und Messing schmücken den Raum, dessen Erbe und Restaurator großen Wert darauf gelegt hat, das Alte, Ursprüngliche zu bewahren. Dann führt er noch hinüber ins ehemalige Verwaltungsgebäude. Bowlingbahn statt Büros. »Im Prinzip ist jetzt alles Wichtige gemacht. Ich habe knapp 2 Millionen Euro reingesteckt – und ich bin schuldenfrei.«

Der Gedanke an die Nachfolge hängt jetzt immer öfter im Raum. Die eigenen Kinder wollen noch nicht so richtig ran. »Bis 65 mache ich ja aber auf jeden Fall selbst noch«, winkt Froeb gelassen ab. Er spricht lieber über das Bier, dass er in kleinen 250-Liter-Chargen braut und biologisch so gut im Griff hat, dass sich keine Fremdhefen einschleichen, und dass sich nach 6 bis 8 Wochen Lagerung im Fass erstaunlich lange hält. Die Trübung ist dadurch sehr fein, ein schöner Kompromiss. Was man über seinen Weg, das Familienerbe zu bewahren, letztlich auch sagen kann.

TEXT & FOTOS: MARKUS SCHNEIDER